Stand 30.9./1.19.06
Zukunft und Bildungsstandards

Äpfel und Bildungsergebnisse
Politik und Bildungsergebnisse
Lernorganisation und Bildungsergebnisse
IQB und Bildungsstandards
Eine Chance für Wirtschaft und Bildungswesen: Eigene Standards
Eine Alternative: Bildungsstandards entsprechend dem   Dortmunder Manifest
 "Rohstoff" Bildungspotential - Automobile und Absolventen

Äpfel und Bildungsergebnisse

Zwei Angebote von Apfelproduzenten, zwei unterschiedliche Qualitäten:
 

Es ist keine Frage, welches Angebot wir wählen. Niemand würde zum Verzehr das Angebot links kaufen, bei dem die meisten Äpfel in ihrer Entwicklung gestört sind.

Ob die Schulabgänger und Hochschulabsolventen mehr dem Bild links oder dem Bild rechts entsprechen, sieht man nicht sofort. Deshalb charakterisiert die abgebende Institution die Absolventen mit einer Note.

Wenn diese Note nach transparenten Kriterien vergeben würde und reproduzierbar wäre, würde sie sowohl über den einzelnen Absolventen wie auch über die Bildungsinstitution Auskunft geben - wie das Auge über die Äpfel. 

Das ist nicht der Fall. Vielmehr kann die Lehrkraft an Schule oder Hochschule die Note weitgehend nach willkürlichen Maßstäben vergeben. Das heißt, die Note ist für sich allein ohne jede Aussage über Wissen oder Kompetenzen, die durch die Note bewertet worden sind. Insbesondere kann die einzelne Lehrkraft durch Manipulation der Noten Versäumnisse in der eigenen Arbeit problemlos kaschieren. Im Lauf der Jahrzehnte hat dies dazu geführt, daß etwa die Mathematikleistung der Abiturienten oftmals auch dann mit "gut" bewertet werden, wenn diese zum Beispiel keine Vorstellung vom Prozentbegriff haben und noch weniger einfache Prozentrechnungen durchführen können.

Durch TIMSS und PISA ist das Problem auch außerhalb der Bildungseinrichtungen diskutierbar geworden.

Ein Industriebetrieb, der Qualität wie im Bildungswesen liefern würde, wäre innerhalb kürzester Zeit bankrott.
 

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Politik und Bildungsergebnisse

Der Bundespräsident hat kürzlich eine Bildungsrede gehalten. Die Presse berichtete darüber, zum Beispiel am 25.9.06 in der FAZ und in BILD

Man kann den Inhalt kurz zusammen fassen:

Unser Bildungswesen leistet nicht genug für die Anforderungen der Zukunft.

"Des Präsidenten Redenschreiber" stellen plausible Forderungen auf und empfehlen als Abhilfe, die Ausgaben für das Bildungswesen zu steigern. Man wird ihnen darin recht geben, wenn man sich keine Alternativen vorstellen kann. Medien und Ministerien haben feste Vorstellungen von Bildungorganisation. Es scheint zu gelten: "Das haben wir immer so gemacht!" Für die letzten hundert Jahre ist das sicher richtig.

Wie haben wir es eigentlich gemacht? Offenbar doch so, daß viele mit den Ergebnissen der Bildungsinstitutionen nicht zufrieden sind. TIMSS und PISA haben inhaltliche Lücken aufgedeckt. Beim Thema Erziehung schieben Schule und Erziehende einander den Schwarzen Peter zu. Wenn nur einer von 51 Abschluss-Schülern eine Lehrstelle bekommt, ist etwas schief gelaufen. Und die Hauptschule in Berlin Neukölln ist keine einmalige Ausnahme.

Wenn wir weitermachen wie bisher und nur mehr Geld in das Bildungswesen stecken, bleibt alles beim Alten: Bildung wird "produziert" wie vor 200 Jahren, das heißt, in handwerklicher Einzelarbeit. 500 000 Lehrkräfte müssen für ihre jeweilige Klasse Unterricht vorbereiten, Stunden halten, Prüfungen vorbereiten, den Schülern zur Bearbeitung geben und korrigieren. Eine schlimmere Fehlallokation von Ressourcen wird man in unserem Land kaum finden können. Daran wird eine Finanzspritze nicht das geringste ändern, wenn die Lernorganisation gleich bleibt.
 

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Lernorganisation und Bildungsergebnisse

Wer lernen will, was man mit dem Handy machen kann, fragt am besten zwölfjährige Kinder. Im Gegensatz zu den von der klassischen Bildungsorganisation geprägten Erwachsenen sind Kinder offen für das ideale Lernfeld, das ihnen mit dem Handy angeboten wird: Es gibt  - wie zum Beispiel auch für das Lösen von Gleichungen  - eine Reihe von Optionen, die man zunächst in den Menüs erkunden kann. Nach kurzer Zeit haben die Kinder das Angebot aufgenommen und nutzen es souverän. Im Gegensatz zum Matheuntericht im Geleitzug handelt es sich um ein sehr persönliches Lernen. Niemand schaut zu. Das Kind darf so viele Fehler machen, wie der Lernvorgang erfordert. Für jeden Versuch gibt es sofort eine Rückmeldung: Erfolgreich oder falsch. Hilfen findet das Kind in der Sozialgruppe.

Erfolgreich oder weniger erfolgreich zu sein ist auch ein Teil der Faszination von Computerspielen. Hohe Scorewerte verschaffen Ansehen unter den Gleichaltrigen und sorgen für eine hohe Motivation. Die kognitive Kompetenz, die anhand von Computerspielen erworben wird, übertragen die Kinder problemlos auf andere Bereiche wie Handy oder eine Computernutzung, oder sie mißbrauchen sie für die Erstellung von Gewalt- oder Sexvideos..

Es ist ein Versäumnis unserer Gesellschaft, daß wir bisher diese Art lernen nicht für den Kanon von schulischen Unterrichtsinhalten benutzen. Der Alltag der Schule wird immer noch beherrscht von der Vorstellung, daß alle Kinder gleich lang lernen müssen. Die Kultusministerkonferenz hat erst kürzlich beschlossen, daß man für die allgemeine Hochschulreife mindestens zehntausend Stunden Unterricht abgesessen haben muß. Schlimmer ist das Axiom, daß alle Kinder das Gleiche gleich gut lernen sollen. Außergewöhnliche Leistungen werden in Sport und zum Teil in Musik akzeptiert und bewundert. Im kognitiven Bereich werden sie von denen, die sie bringen, oft als Makel empfunden, weil sie bei Mitschülern und vielen Lehrern  Neid wecken und (in Deutschland) zur Diffamierung als Streber führen. Die Praxis dieser Lernorganisation führt dazu, daß ein großer Teil des wichtigsten Rohstoffs, den unser Land besitzt, nicht genutzt wird: Das kognitive Potential der Kinder.

Was gelernt werden soll, wird von der Kultusbürokratie so vage formuliert, daß nicht alle Lehrer, noch weniger Schüler und Eltern, verstehen können, was von der Arbeit der Schule übrigbleiben soll.
"Die Schülerinnen und Schüler entwickeln sinntragende Vorstellungen von natürlichen, ganzen, gebrochenen und rationalen Zahlen und nutzen diese entsprechend der Verwendungsnotwendigkeit." ist eine leere Aussage, wenn man nicht die Begriffe "Vorstellung", "natürliche Zahl", ..., "Verwendungsnotwendigkeit" so definiert, daß überprüfbare Anforderungen entstehen. Das gilt entsprechend für die anderen Bildungs-"Standards" der Kultusministerkonferenz.

Wenn die Ziele definiert sind, können Kinder und Jugendliche ihr Lernen selbst organisieren. Daß sie dabei erfolgreicher lernen, zeigt der Umgang mit dem Handy ebenso wie wie mit vielen Aspekten der modernen Zivilisation, die auch jüngeren Erwachsenen Probleme machen.

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QB und Bildungsstandards

IQB ist Abkürzung für "Institut für Qualitätssicherung im Bildungswesen". Das Institut ist 2004 von der Konferenz der Kultusminister eingerichtet worden, um die sogenannten Bildungs-"Standards" konkreter werden zu lassen. 22 Mitarbeiter (publizierter Stand 30.9.06) werden dafür beschäftigt.

Über die Ergebnisse der Arbeit der vergangenen zwei Jahre wird bis heute im Internet nichts publiziert. Unter Aktuell findet man (publizierter Stand 30.9.06)

IQB - aktuell - Im Moment sind keine aktuellen Informationen hinterlegt.
Es gibt noch einen internen Bereich, der mit Passwort geschützt ist. Über das, was hier das Licht der öffentlichen Diskussion scheut, ist wenig in Erfahrung zu bringen. Zum Beispiel sollen irgendwelche Mathematikexperten zwischen 200 und 600 Musteraufgaben entwickelt haben.
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Eine Chance für Wirtschaft und Bildungswesen: Eigene Standards

Die erzeugende Wirtschaft kann sich bei der Beschaffung der Vormaterialien für die Produktion auf DIN-Normen stützen. Für die meisten Gebiete sind unter Mitarbeit der Wirtschaft Normblätter entstanden. Die Normblätter beschreiben in überprüfbarer Form die Eigenschaften des jeweiligen Produkts. Sie sind jedem gegen geringe Gebühren zugänglich. Die Normung beschleunigt die Entwicklung neuer Produkte und senkt die Entwicklungskosten.

Erstaunlicherweise hat die Wirtschaft bisher keine Normen für kognitive Fähigkeiten und für Wissen genormt. Im Hinblick auf die Summen, die in Einstellungstests ausgegeben werden, ist das eigentlich erstaunlich. Es ist mit interaktiven Seiten im Internet heute einfach, die Schulabgängertests der Industrie- und Handelskammern für Bearbeitung und sofortige Auswertung anzubieten. Wenn dabei die Kriterien des Dortmunder Manifests erfüllt werden, gibt es auch keine Probleme, dieses Angebot öffentlich zu machen, weil die Bearbeiter bei jedem Aufruf neue Aufgaben erhalten. Wenn die Wirtschaft ein solches Angebot realisiert, bestimmt sie selbst, welche Kompetenzen neue Mitarbeiter mitbringen sollen. (Ein Hinweis: Wer in den USA arbeiten will, muß die Bearbeitung des "Test of English as a foreign language" (TOEFL) mit einer vom Arbeitsplatz abhängigen Mindestpunktzahl nachweisen.) 
Hier zwei Beispiele, wie ein solcher Standard realisiert werden kann:

Deutsch ab Klasse 4
Konzentration und Aufmerksamkeit

Während das IQB mit anonymen Experten arbeitet, bietet sich für die Entwicklung der Qualitätsanforderungen der Wirtschaft eine offengelegte Entwicklung nach dem open-source-Prinzip an.

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"Rohstoff" Bildungspotential - Automobile und Absolventen

Stellen Sie sich einmal eine Autofabrik vor, deren Arbeiter und Angestellte jeder für sich entscheiden, wie sie ihre Arbeit tun wollen. Für die Teile, die produziert werden, ebenso wie für die Abläufe kann jeder weitgehend nach Gutdünken entscheiden, wie und was er machen will. Es gibt keine exakten Beschreibungen und Bemaßungen für die Teile. 

Zum Beispiel heißt die Arbeitsanweisung für den Gruppenleiter: "Die Arbeiterinnen und Arbeiter stellen Kolben, Kolbenringe und Ventile entsprechend der Verwendungsnotwendigkeit her." (Vergleiche die Formulierungen der Bildungsstandards). Welches die Verwendungsnotwendigkeit der Kolben oder Ventile ist, wird nicht gesagt. Der Gruppenleiter kann ohne Rücksprache entscheiden, ob er Kolben für einen Schwerlastwagen oder ein Moped produzieren läßt. Qualitätkontrolle gibt es nicht. Die Firmenleitung vertraut vielmehr darauf, daß das schon alles richtig werde. Auch die Zulieferer entscheiden selbst, was sie zum Beispiel als Kühlwasserpumpe liefern wollen.

Glauben Sie, daß auf die beschriebene Weise fahrtüchtige Autos entstehen? - Mit Sicherheit nicht! Aber in dieser Weise wird der wichtigste Rohstoff Deutschlands, nämlich seine Menschen, neun bis fünfzehn Jahre lang "qualifiziert". Jede Lehrkraft entscheidet nach eigenem Ermessen, oft nur in Erinnerung an die eigene Schulzeit, wie sie bei Schülerinnen und Schülern zum Beispiel "sinntragende Vorstellungen von natürlichen, ganzen, gebrochenen und rationalen Zahlen" (aus den Bildungs-"Standards" der KMK) entwickeln will.

In der realen und erfolgreichen Autofabrik gibt es für jedes Teil und jeden Vorgang eine Beschreibung, die problemlos die Überprüfung der Passungen erlaubt.

Es ist erstaunlich, daß die Wirtschaft seit Jahrzehnten darüber klagt, daß die Auszubildenden bei den elementaren Kenntnissen große Lücken aufweisen, aber selbst wenig für die "Eingangskontrolle" tut. Mit Hilfe des Internets wäre es heute ein Leichtes, überprüfbare Anforderungen zu definieren. Ein Weg dazu wären  Bildungsstandards entsprechend dem Dortmunder Manifest