Stand 14.8.06/28.6.07
Schulnoten und Bildungsstandards
Sommer - die Zeit der Schulzeugnisse und der Diskussion über Noten, zum Beispiel in "DIE ZEIT". Ein kognitiver Grundstandard
Bildungsstandards: Fehlanzeige
Noten und Kinder
Noten und Eltern
Noten und Lehrer
Noten und Schulverwaltung
Noten und Wirtschaft
Gibt es einen Ersatz für Noten?

 
Testen Sie selbst einen kognitiven Grundstandard für Geschwindigkeit, Aufmerksamkeit und Sorgfalt!
Es geht darum, in einem Textstück zu zählen, wie oft ein gegebener Buchstaben darin vorkommt (Kontakt).

Bildungsstandards:
Fehlanzeige
Am 30.10.02 wurde der Site www.BildungsStandards.de begonnen. Der Deutsche Bildungsserver lieferte am 6.1.03  zu "bildungsstandards" eine einzige Fundstelle. Google fand zu "+mathematik +bildungsstandard" 843 Beiträge.

Heute, am 28.6.07 weist der Deutsche Bildungsserver 975 Fundstellen auf (am 28.7.06 waren es 792; Google hatte damals ca. 389.000 Fundstellen für "+bildungsstandards +mathematik") Man könnte meinen, daß das Thema damit ausreichend diskutiert wird. Inzwischen müßten zahlreiche konkrete Ergebnisse vorliegen.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Nach dem PISA-Debakel entwickelte die Kultusministerkonferenz (KMK) hinter verschlossenen Türen einen regen Aktionismus, der am 3.12.03 zu ersten Vereinbarungen "Bildungsstandards für den Mittleren Schulabschluss" führte. Seither sind entsprechende Vereinbarungen über andere Klassenstufen veröffentlicht worden. Da die KMK die Adressen gelegentlich ändert, muß man sich zu den einschlägigen Seiten über www.kmk.org durchhangeln.

Wenn man die "Standards" gefunden hat, kommt die Enttäuschung. Was für ein Standard wird mit
 

"Die Schülerinnen und Schüler entwickeln sinntragende Vorstellungen von natürlichen, ganzen, gebrochenen und rationalen Zahlen und nutzen diese entsprechend der Verwendungsnotwendigkeit." 

oder
 

"Die Schülerinnen und Schüler wählen Algorithmen bzw. Kalküle als Verfahren zum Lösen mathematischer Standardaufgaben begründet aus und wenden diese auch unter Nutzung von geeigneten Hilfsmitteln an."

gesetzt? Wie viele Schüler können aus diesen Formulierungen entnehmen, was von ihnen erwartet wird? Wie viele Lehrer sind in der Lage, Ziele für den Unterricht aus diesen Formulierungen zu entnehmen? Wie gering der Konsens ist, den man bei Mathematikdidaktikern über Unterrichtsziele feststellen kann,  finden Sie hier.

Für andere Fächer gilt Entsprechendes.

Welche Eigenschaften man heute von Bildungs-"Standards" minimal fordern sollte, ist im Dortmunder Manifest im Frühjahr 2003 dargestellt worden:

- Freier Zugang,
- Selbstkontrolle (Autorität der Sache),
- sofortige Rückmeldung.
 

Im Internet lassen sich solche überprüfbare Bildungsstandards einfach realisieren. Verschiedene Stufen auf dem Weg zu überprüfbaren Standards zeigen

- das Beispiel einer PISA-Aufgabe zur Bearbeitung am Bildschirm; Baustein für einen Standard
- eine  Einmaleinsübung Beispiel für einen Standard
- Deutsch Grundschule (Er - sie - es); Baustein für einen Standard
- Deutsch Grundschule (Der Fuchs und der Rabe); Teil eines Standards
 

Der Einfluß solcher Standards auf die Motivation der Lernenden erreicht fast die Faszination von Computerspielen. Man sollte diese Chance nicht brach liegen lassen. In vielen Lernbereichen kann man mit überprüfbaren Bildungsstandards bei freiem Zugang die Lernmotivation außerordentlich steigern; man muß sie nur in größerem Umfang anbieten. Jeder kann zu solchen Angeboten beitragen.
(Kontakt)


 
Noten und Kinder  "Kinder wollen Noten" überschrieb "DIE ZEIT" am 29.6.06 einen Betrag ihres Mitarbeiters Jörg Lau. Ergänzend erschien am 13.7.06 eine Entgegnung von Hans Brügelmann unter der Überschrift "Misstraut allen Noten!"

Unter www.zeit.de/noten-debatte diskutieren seither Gegner und Befürworter von Noten das Thema. Einige Beiträge schlagen vor, die Noten durch schriftliche Äußerungen der Lehrkräfte zum Leistungsstand des Kindes zu ersetzen.

In manchen Bundesländern sind solche verbalen Beurteilungen anstelle von Noten Pflicht bis zu unterschiedlichen Klassenstufen. Lehrkräfte, die keine Textverarbeitung benützen, müssen für diese Beurteilungen erhebliche Zeit aufwenden. Die mit Textverarbeitung machen nichts falsch, können jedoch durch das Angebot an Textbausteinen korrumpiert werden.

Die Einordnung der verbalen Beurteilungen als Rückmeldung an Kind und Eltern verlangt Kenntnisse, die die Betroffenen in der Regel nicht besitzen. Ein Beispiel:

„Siegfried kann im Zahlenraum bis 20 mit Hilfe von Material schon zu vielen Zahlenpaaren die Summe finden.“

steht in der verbalen Beurteilung nach dem ersten Halbjahr der Klasse 2. Das ist, wie vorgeschrieben, positiv formuliert. Wer den Lehrplan kennt, weiß jedoch, daß Siegfried in Mathematik bisher das Ziel von Klasse 1 noch nicht erreicht hat: Beherrschung des Einsundeins ohne Material. Ohne diese Grundlage hat Siegfried keine Chance, in Mathematik das Ziel von Klasse 2 zu erreichen. Dies kommt indessen in der verbalen Beurteilung in keiner Weise zum Ausdruck.

Die Note "6" würde die wahre Lage Siegfrieds zweifelsfrei zum Ausdruck bringen. Hart für Siegfried, hart für die Eltern, hart aber auch für die Lehrkraft. Diese hat vermutlich schon viel versucht, um Siegfried bei der Beseitigung des Defizits zu helfen. Im Rahmen der heutigen Schulorganisation sind jedoch die Möglichkeiten begrenzt, wenn auch diejenigen Kinder zu ihrem Recht kommen sollen, die sich ohne Hilfe von Material im Zahlenraum bis 100 und darüber hinaus schon sicher bewegen. Ob und wie Siegfried seinen Rückstand aufholen kann, bleibt offen. Das wäre freilich die entscheidende Frage. Weder die verbale Beurteilung noch die "6" hilft darin weiter. Das "schon zu vielen Zahlenpaaren" in der verbalen Beurteilung klingt hoffnungsvoll. Die Note "6" beschreibt den momentanen Kenntnisstand weitaus besser. Sie zeigt offenkundig, daß dringend etwas geschehen muß - oder daß Siegfried lernen muß, mit seinem persönlichen Defizit im Rechnen zu leben, wenn es sich nicht beheben läßt. Das kann für Siegfried hilfreicher sein als alles andere.

Kinder wollen Noten, damit sie wissen, wie sie stehen. Daß "2" besser ist als "3" ist schnell gelernt. Dabei ist der Bezug wichtig. Fast immer wird die Note interpretiert als soziale Rangfolge: Du hast nur eine "3", also bin ich mit meiner "2" besser als du! Diese Deutung schafft eine Klima der Rivalität in der Klasse. Wenn dagegen die Note als Hinweis auf die Beherrschung einer Sache gesehen wird, dann heißt "3", daß noch mehr Verständnis und Übung im Hinblick auf das Ziel nötig sind.

Eine geschickte Lehrkraft schafft es, die Auseinandersetzung mit der Sache in den Vordergrund zu stellen und die - natürliche - Rivalität zum Teil in Kooperation gegen die Schwierigkeiten des Lernstoffs  umzumünzen. Sie hat entscheidenden Einfluss darauf, ob die Kinder die Note als Einstufung in eine Rangordnung empfinden oder als Maß für den Fortschritt bei der Auseinandersetzung mit dem Schulstoff.

"Misstraut allen Noten!" fordert Brügelmann und hat Recht damit, wenn die Noten nach dem subjektiven Empfinden der Lehrkraft eine Rangfolge der Schüler innerhalb der Klasse zum Ausdruck bringen. Solche Noten entstehen durch vier Willkürentscheidungen. Da nicht offen gelegt wird, wofür die Note gegeben wird, kann die gleiche Note in einer anderen Klasse für das gleiche Stoffgebiet etwas ganz anderes bedeuten. Vor einigen Jahren gingen Schüler, deren Abiturserfolg in Baden-Württemberg gefährdet war, im letzten Schuljahr nach Hessen; sie sollen dort nach einem Schuljahr mit "2" oder "3" abgeschnitten haben. Chancengerechtigkeit? Für die Zulassung zum Studium interessierte nur die Durchschnittsnote. Erst durch PISA wurde das Problem offenkundig. 

Seit mindestens zehn Jahren könnte man in vielen Lernbereichen der Schule Noten als Maß für den Abstand von der idealen Stoffbeherrschung vom Computer objektiv berechnen lassen. Wenn dazuhin noch den Kindern freien Zugang zu solchen Lernkontrollen nach den Regeln des Dortmunder Manifests gewähren würde, hätten wir den ersten Schritt zu einem "Lernen neu denken" getan. Wir würden die Faszination, der Kinder bei Computerspielen , insbesondere bei Killerspielen, verfallen, endlich auch für das Lernen fruchtbar machen.
(Kontakt)


 
Noten und Eltern Noten dienen den Eltern einerseits als Rückmeldung dafür, wie die Lehrkräfte die Lernfortschritte ihrer Kinder einschätzen. Auf der anderen Seite sind Noten mit Berechtigungen verknüpft, die über die beruflichen Chancen der Kinder entscheiden. Die Spanne reicht von Hauptschule ohne Abschluss bis zu Abitur mit Durchschnitt 1,0.

Es ist ein offenes Geheimnis, daß Schulnoten wenig Vertrauen verdienen ("Misstraut allen Noten!"). Es gibt Eltern, die den Manipulationsspielraum der Lehrkräfte gezielt ausnützen. Sie machen Druck (oder bieten Gefälligkeiten an),  wenn sie dadurch die Chancen ihrer Kinder vergrößern können. Der Druck wird größer, wenn man der Lehrkraft ein Versäumnis, wie es im Unterrichtsalltag kaum vermeidbar ist, nachweisen kann. Es gibt wohl auch heute noch Kollegen, die den Verlockungen von Gefälligkeiten nicht widerstehen können.
 

Was machen Eltern, wenn die Kinder schlechte Noten erhalten. Entscheidend ist, ob und wie sie das Kind unterstützen. 

Mit Sicherheit ist es falsch, den Druck der Note mit einem Druck auf die Kinder zu verstärken. Über eine auf den ersten Blick überraschende Elternreaktion  berichtet eine Mutter  in der Notendebatte der ZEIT in einem Beitrag vom 24.7.06 18.55 Uhr:

"Der Vater meiner Kinder belohnte ihre Zeugnisse so:
für eine Eins gabs 1.- DM
für eine Zwei: 2,- DM
für eine Drei: 3,- DM
...".
das heißt, mit 5,- DM für eine Fünf wurden die negativen Wirkungen einer schlechten Note auf das Kind abgefangen. Kinder und Eltern seien damit gut gefahren, Noten seien für die Kinder kein Schrecken gewesen und die Kinder hätten diese Regelung auch nicht missbraucht.

Oft liegt die Ursache schlechter Noten nicht bei der Begabung des Kindes sondern bei seinem Willen. Der Bruder eines meiner Klassenkameraden sollte die Klasse 9 wegen schlechter Noten wiederholen. Statt dessen hat er eine Schlosserlehre begonnen und erfolgreich abgeschlossen. Anschließend erwarb er das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg und wurde ein erfolgreicher Jurist. 

Einer meiner Schüler sollte vor Jahren wegen Fünfen in Mathematik und Physik die Klasse 9 wiederholen. Er lernte die Goldschmiedekunst, hat sich selbständig gemacht und betreibt heute neben zahlreichen Filialen in Deutschland solche in Nord- und Südamerika und in Japan. Sich bis zum Abitur durchzuquälen wäre sicher nicht besser gewesen. Ob er dann noch die Kraft zu einem derartigen Aufbau besessen hätte, muß zumindest offen bleiben. Durch seine Umorientierung hat er in der aktivsten Zeit eines Menschenlebens die Grundlage für seinen geschäftlichen Erfolg gelegt.

Die beiden Beispiele zeigen unterschiedliche Reaktionen auf schlechte Schulnoten. So lange der Schulerfolg nach Noten - und nicht nach den erreichten Qualifikationen - beurteilt wird, muß man immer auch prüfen, ob Umwege nicht schneller oder besser zum Ziel führen.

Wenn heute die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit beklagt wird, muß man sich vor Augen halten, daß der Entdecker der Quantentheorie, Max Planck, sein Abitur mit sechzehn (16!) abgelegt hatte. Deshalb hatte er schon die Grundlage für eine Professur gelegt in einem Alter, in dem manche Abiturienten heute erst die Schule verlassen. 

Schulerfolg 
nach Bildungszeit
In einer kürzlichen Verlautbarung der KMK wurde festgelegt, daß für das Abitur mindestens 256 Jahreswochenstunden, also rund 10 000 Unterrichtsstunden, absolviert werden müssen (Pressemitteilung zur 314. Sitzung der KMK). Das läßt sich natürlich einfacher überprüfen als die Qualifikationen, die in dieser Zeit erreicht worden sind - und ist unverzeihlicher Unsinn: Messen Sie die Qualität eines Autos daran, wie lange irgendwelche Monteure daran herumgepfriemelt haben? Oder kommt es Ihnen auf das Ergebnis an? 

Bis heute bietet die KMK indessen keine überprüfbaren Maßstäbe. Die derzeit zu erarbeitenden Schultests sollen die Chancengleichheit in den verschiedenen Bundländern verbessern. Mit der Aktion kann Verantwortung für die Bewertung von Lernergebnissen delegiert werden. Bis jetzt wird nicht davon gesprochen, daß sie den Lernenden als objektive Rückmeldung über ihren Lernstand ständig zugänglich gemacht werden sollen (Kontakt).


 
Noten und Lehrer Es ist wenig bekannt, wie viel Zeit und Kraft Lehrkräfte für die Notengebung investieren. Nach der Selbsteinschätzung der Lehrkräfte sind es 10 bis 20 Prozent der gesamten Arbeitszeit, die dafür aufgewendet werden.

Zum Glück sehen nicht sehr viele Lehrkräfte in den Noten ein Instrument der Disziplinierung. 

Viele fühlen sich dagegen durch die Pflicht zur Notengebung emotional belastet und leiden unter der Verantwortung. Diese wissen, daß die Unterrichtsergebnisse auf der einen Seite von Begabung und Einsatz der Kinder, auf der anderen Seite aber auch wesentlich von den eigenen Anstrengungen abhängen. Das heißt, im Lehrberuf  ist jede Note zugleich eine Aussage über die Kinder und eine Aussage über den Unterricht. Von daher ist es eigentlich unverantwortlich, Unterricht und Ergebnisbewertung in eine Hand zu legen. Schwache oder bequeme Lehrkräfte können einen mangelhaften Unterricht dadurch kaschieren, daß sie für eine Schülerleistung bessere Noten geben als verantwortungsvoll und engagiert arbeitende. Das korrumpiert und führt zu einer Inflation guter  Noten, auch an renommierten Ausbildungsinstitutionen. Deren Eindämmung kann der Schulaufsicht nur begrenzt gelingen, wenn keine Vergleichsmaßstäbe zur Verfügung gestellt werden. Schulnoten entstehen immer noch in vier Willkürschritten, die fast jede gewünschte Manipulation erlauben. Schwache Lehrkräfte werden durch die Manipulationsmöglichkeiten gestützt, zielorientierte mit angemessenen Maßstäben kommen gleich von zwei Seiten unter Druck: Die Eltern wollen gute Noten für ihre Kinder, und die Schulverwaltung will Auseinandersetzungen wegen der Notengebung möglichst aus dem Weg gehen.

Bei den Maßstäben hat ein zögerliches Umdenken begonnen: In vielen Bundesländern werden in den letzten Jahren "Vergleichsarbeiten" in einzelnen Klassenstufen geschrieben, immer mehr Bundesländer führen auch in der Abitursprüfung zentrale Aufgaben ein. Dadurch wird die Willkür der Notengebung, soweit die Vergleichsarbeiten dafür herangezogen werden dürfen, ein klein wenig eingeschränkt; der Hauptarbeitsaufwand bleibt jedoch nach wie vor an der Lehrkraft hängen.

Bisher ist allerdings nicht daran gedacht, die Anforderungen in diesen Arbeiten auch für die Lernenden transparent zu machen. Das gleiche gilt für die "Bildungstests", die die KMK beim Institut für Qualitätssicherung im Bildungswesen in Auftrag gegeben hat. Hier herrscht immer noch die bei psychologischen Tests übliche Geheimhaltung der Anforderungen. Während man in der produzierenden Wirtschaft zielgerichtet auf Produkte mit offengelegten Eigenschaften ausgerichtet ist, verteufelt man es als zu verurteilendes "teaching to the test", wenn der Unterricht an überprüfbaren Ergebnissen ausgerichtet wird, und rechtfertigt so die Geheimhaltung.

Um der Selbstorganisation als Grundlage für erfolgreiches Lernen (auch im Bereich der "soft skills") Raum zu geben, ist ein  Angebot überprüfbarer Ziele entsprechend den Forderungen des Dortmunder Manifests unverzichtbar. Langfristig muß der Beruf des Allroundlehrers aufgespalten werden in Spezialisten für seine Hauptfunktionen: Lernberatung, Produktion von Lerneinheiten und Überprüfung der Lernergebnisse. Die beiden ersten Funktionen sind an weitgehend an Personen, am besten sogar an Persönlichkeiten, gebunden. Die Überprüfung der Lernergebnisse kann dagegen überwiegend mit den Möglichkeiten der modernen Informationsverarbeitung rationalisiert werden. Im politischen Bereich hat sich diese Spezialisierung in Legislative, Executive und Jurisdiktion schon längst durchgesetzt. 

Die Einführung überprüfbarer Bildungsstandards entlastet die Lehrkräfte außerordentlich. Sie entzieht die Bewertung des Unterrichtserfolgs dem Druck der Eltern und erlaubt neuartige Lernkonzepte für die Schüler (Kontakt).


 
Noten und
Schulverwaltung
Schon in meinen ersten Berufsjahren an der Schule war mir aufgefallen, wie wenig Unterstützung für die Bewertung der Schülerleistungen im Allgemeinen von der Schulverwaltung zu erwarten ist, so lange keine Beschwerden vorliegen, und welche hohen Anforderungen sie stellt, wenn es zu einer Beschwerde gekommen ist. Ein Kollege sollte (mußte) damals "unverzüglich" eine Liste von mindestens 15 mündlichen Noten für jeden einzelnen  Schüler einer Klasse, jeweils mit Datum, zusammen mit den Klassenarbeitsheften einschicken. Er hatte Glück, daß die Klasse "nur" 38 Schüler hatte; er hat eine Liste geschickt; die Beschwerde wurde niedergeschlagen. Wichtig war in der Auseinandersetzung nicht, wie diese Noten (im Nachhinein; verjährt) gewonnen wurden, sondern nur, daß sie dokumentiert waren.

Viele mir bekannte Lehrer haben Schwierigkeiten mit der Verwaltung bekommen, wenn sie glaubten, in Klassenarbeiten einen schlechten Notendurchschnitt vertreten zu müssen. Zwischenzeitlich gibt es da und dort sogar Erlasse, die die Ungültigkeit einer Arbeit fordern, wenn der Durchschnitt zu schlecht ist. Außerordentlich selten habe ich davon gehört, daß besonders gute Durchschnitte reklamiert wurden. In beiden Fällen ging es nicht um die tatsächlichen Kenntnisse der Schüler in Bezug auf Forderungen des Lehrplans, sondern immer nur um die Wirkung des Notendurchschnitts in der Öffentlichkeit. Ein Vergleich: Wenn in einer Serie von Turnschuhen die Ösen für die Schnürsenkel fehlen, können sie nur mit einem schlechten Preis verkauft werden oder sie werden gleich als Abfall behandelt. Wenn eine Lehrkraft einen Teil des Lehrplans weggelassen oder unzureichend behandelt hat, kann sie trotzdem am Ende des Schuljahrs gute Noten geben. Es ist Zeit, an Stelle der Noten objektive Rückmeldungen über die erreichten Qualifikationen zu geben. Das kann in der Zeit des Internets einfach realisiert werden.
(Kontakt)


 
Noten und
Wirtschaft
Wer ein Auto oder auch nur eine Glühbirne kauft, interessiert sich in der Regel nicht dafür, wie die Mitarbeiter heißen, die das Auto produziert haben, oder welche Werkzeuge sie verwendet haben. Es ist auch unerheblich, ob aus der Produktion noch untauglichere Fahrzeuge kommen als das gekaufte. Noch weniger will der Kunde wissen, wie lang die Produktion gedauert hat. Dem Kunden sind bei der Auswahl eines Fahrzeugs dessen tatsächliche Eigenschaften wichtig. Er fragt nicht, ob das Auto sehr gut oder nur ausreichend ist; vielmehr erkundigt er sich nach überprüfbaren Eigenschaften wie nach der Spitzengeschwindigkeit, nach dem Verbrauch, nach dem Schadstoffausstoß, nach der erlaubten Zuladung, ... . Als Abnehmer hat er das Recht für diese Fragen. Gegebenenfalls kann er die Zusicherungen einklagen.

Die Abnehmer für die Bildungserfolge der Schulabgänger oder Hochschulabsolventen erhalten dagegen keine Auskunft über die Eigenschaften, die in der Bildungszeit erworben worden sind. Sie werden mit Noten abgespeist, über deren Willkür fast vollständiges Einvernehmen  herrscht. Die Wirtschaft ist daher bei Einstellungen auf eigene Untersuchungen angewiesen. Dabei wird häufig festgestellt, dass den großen Worten der Bildungspläne noch größere Lücken der Kandidaten bei elementaren Kenntnissen und Fähigkeiten gegenüberstehen. Während bei Industrieprodukten ausgefeilte Qualitätsnormen selbstverständlich sind, nimmt man bei Bildungsprodukten die fehlende Qualität fatalistisch hin.

Gegen diesen Fatalismus steht eine Vision: Überprüfbare Bildungsstandards entsprechend dem Dortmunder Manifest

Nur an ganz wenigen Stellen ist diese Vision schon Wirklichkeit. Ein Beispiel ist der TOEFL (Test of English as a Foreign Language); wer eine qualifizierte Arbeit in den USA sucht, muss den TOEFL mit einer Mindestpunktzahl abschließen. Diese Mindestpunktzahl hängt von den Qualifikationsanforderungen ab.

Wie lange Zeit wird es noch dauern, bis die Wirtschaft im Bildungsbereich autonom standardisierte Zugangsbedingungen fordert? Im technischen Bereich werden die Eigenschaften des Vormaterials bis in alle Einzelheiten spezifiziert. Der Einkäufer für Halbzeug kann deshalb dem Lieferanten des Vormaterials überprüfbare Bedingungen stellen, und der Lieferant garantiert für seine Lieferungen.  Das "human capital" bleibt so lange der schwächste Produktionsfaktor, bis auch hier überprüfbare Eigenschaften eingeführt werden. Die Schule schafft es nicht, solche Eigenschaften zu garantieren. Wenn zum Beispiel die allgemeine Hochschulreife an den Nachweis von rund 10 000  abgesessenen Unterichtsstunden geknüpft wird, ohne transparente inhaltliche Forderungen daran zu knüpfen, so verkommt sie zum bloßen Initiationsritus. Dabei wird die natürliche Lernmotivation der Jugendlichen zum Schaden der Gesellschaft zerstört, statt in der fruchtbarsten Lebensphase gefördert zu werden.

Mit den Möglichkeiten, die das Internet bietet, könnte die Wirtschaft auf einfache Weise selbst Bausteine für  Wissensziele und Qualifikationen bereitstellen. Das hätte in kürzester Frist Rückwirkungen auf die Schule. Die Wirtschaft weiß viel besser als die Schulverwaltungen, welche Ziele der Gesellschaft insgesamt dienen. Wenn die Wirtschaft für die Umsetzung des Dortmunder Manifests nach den Prinzipien der open-source-Idee gewonnen wird, gibt es einen "Ruck" der Art, wie dies der frühere Bundespräsident Herzog gefordert wird.


 

Gibt es einen 
Ersatz für Noten? 
Noten sind verkürzte Rückmeldungen für Lernende. In kürzester Form fassen sie die subjektive Meinung einer Lehrkraft über die Arbeit eines Lernenden zusammen. Wenn in der Subjektivität keine Vorlieben und Abneigungen vorherrschen (was auch vorkommt), erlauben sie den Lernenden eine Einordnung des eigenen Lernfortschritts in den der anderen Mitglieder der Lerngruppe. In der Regel geben sie keine Auskunft über die objektive Beherrschung eines Lernstoffs; vielmehr zeigen sie im besten Fall, wie die Lehrkraft den Lernfortschritt in Bezug auf ein subjektives Lehrziel einschätzt.

Vielfach wird die verbale Beurteilung als verbesserte Form der Rückmeldung propagiert. Dabei wird unterschlagen, daß verbale Beurteilungen
- den Lehrkräften viel zusätzliche Arbeit machen,
- noch mehr als Noten subjektive Meinungen zum Ausdruck bringen,
- von den Eltern viel schwerer zu verstehen sind als Noten,
- für die Kinder wenig aussagekräftig sind,
- ebenso wie Noten selbständiges Lernen wenig motivieren.

Neben der subjektiven Rückmeldung durch die Lehrkraft gibt es auch die Rückmeldung durch die Sache. Montessori hat vor mehr als hundert Jahren Material für den Grundschulbereich entwickelt, das Kinder unmittelbar zur Auseinandersetzung mit der Sache anregt. In ihrem Buch "Kinder sind anders" schildert sie eine Beobachtung: Ein Kind sitzt mit dem Material auf dem Boden und wiederholt 42 mal den gleichen Vorgang. Dann leuchtet das Gesicht des Kindes auf - und es legt das Material weg. Es hat für dieses Kind seinen Zweck erfüllt.

Heute, im Zeitalter von Computer und Internet, können wir Kindern und Jugendlichen am Bildschirm virtuelle Materialien anbieten, die mit fortgeschritteneren Inhalten wesentliche Kritierien des Montessorimaterials verknüpfen:

- Sofortige Rückmeldung über Erfolg oder Mißerfolg,
- beliebige Wiederholbarkeit,
- (fast) freien Zugang,
- Transparenz objektiver Anforderungen,
- Übungsmöglichkeit ohne Zuschauer und die Gefahr der Bloßstellung vor der Klasse.

Zusätzlich kann die Computerübung so angelegt werden, daß wie beim Computerspiel ein Zahlenwert (Score) als Maß für den Erfolg zurückgeliefert wird. Der Bearbeiter kann die Übung so oft wiederholen, bis er mit dem Ergebnis (oft nur ein Platz auf der Scoreliste) zufrieden ist. Zugleich zeigt der Zahlenwert, ob eine Qualifikation erreicht ist. Wenn die Kriterien des Dortmunder Manifests erfüllt sind, ist diese Qualifikation ein echter, überprüfbarer Bildungsstandard.
 
 

Im Internet lassen sich solche überprüfbare Bildungsstandards einfach realisieren. Verschiedene Stufen auf dem Weg zu überprüfbaren Standards zeigen

- das Beispiel einer PISA-Aufgabe zur Bearbeitung am Bildschirm; Baustein für einen Standard (im Augenblick nur Rückmeldung über richtig-falsch)
- eine  Einmaleinsübung  (vollständiger Standard)
- Deutsch Grundschule (Er - sie - es); Baustein für einen Standard
- Deutsch Grundschule (Der Fuchs und der Rabe); Teil eines Standards
 

Wie kommt man zu solchen Bildungsstandards? Computernutzung allgemein und Internet im Besonderen bieten Beispiele für die Entwicklung hochkomplexer Systeme ohne eine staatliche Organisation. Das Betriebssystem Linux ist im open-source-Verfahren mit Beiträgen von Tausenden von  ehrenamtlichen  Helfern das System der Wahl für viele Anwendungen geworden. Entsprechend ist das Lexikon Wikipedia mit über 400 Tausend Einträgen entstanden. Beide Angebote werden laufend verbessert.

In der gleichen Weise kann ein System überprüfbarer Bildungsstandards entstehen. 

Wichtigste Mitarbeiter bei der Entwicklung könnten die Schüler selbst sein. Sie würden  in dreifacher Weise profitieren:

- In der Auseinandersetzung mit den fachlichen Inhalten, 
- in der Nutzung der Hilfsmittel zur Gestaltung moderner Medien, 
- in gleichberechtigter Mitwirkung an einem großen Projekt. 

Die fertigen Angebote brauchen eine Evaluation. An die Stelle einer Evaluationsagentur kann für die Bewertung der Angebote ein System treten, das die Standards analog zur Bewertung der Zuverlässigkeit von Anbietern und Käufern bei Ebay charakterisiert.
 

Eine Nebenwirkung des Prozesses: Die Art der Schlüsselqualifikationen, die im "heimlichen Lehrplan" der Schule erworben werden, ändern sich grundsätzlich: Wo jetzt Abstumpfung herrscht und die Schüler sich fatalistisch mit der Situation arrangieren,  entsteht eine Aufbruchstimmung. Jede Lehrkraft, die schon einmal eine entsprechende Aufgabe an die Schüler übertragen hat, weiß: Wenn Schüler für eine Aktion motiviert werden, wird aus Rivalität Kooperation, aus Resignation Aktivität, aus Stumpfsinn Kreativität.

Es muss gelingen, diesen Prozess in Gang zu setzen (Kontakt).