|
Kurzer
Schrecken
Und jetzt Winnenden - und Ansbach Siehe auchwww.bildungsstandards.de/08/allgemein/wowrein.html Mathe (lernen) und WoW (spielen) |
| Kurzer Schrecken | Sebastian B. hat in Emsdetten seine Agressionen ausgelebt. 27 Menschen sind dabei verletzt worden; Sebastian B. hat anschließend sein Leben selbst beendet. Sebastian B. hat die Erinnerung an Erfurt wieder geweckt. |
| Warum? | Die
Medien haben unverzüglich eine Antwort: Killerspiele für den
PC. Eifrige Politiker karten nach: Killerspiele verbieten.
Wie wenn Verbote je ein Problem dauerhaft gelöst hätten!
Zwischenzeitlich ist der Schock bereits wieder überwunden und vergessen. Sebastian B. hat sich selbst als "Looser" empfunden. Er gibt der Schule die Schuld dafür. Haben Sie dafür Verständnis? Paul schreibt dazu am 3.8.2008 in http://www.mitmischen.de/wordpress/index.php/2008/05/09/abgetaucht-in-die-virtuelle-welt/: "Im WoW kann man noch etwas bewegen. Im wahren Leben passiert erst etwas, wenn man kriminell geworden ist." WoW ist das Spiel
"World of Warcraft". Google findet zu diesem Spiel am 8.8.08 rund
|
| Üble Erinnerungen | Wenn ich mich selbst an meine Schulzeit zurückerinnere, merke ich, daß ich immer noch nicht ganz verschmerzt habe, wie ich das Fach Sport erlebt habe. Es war die Zeit des Nationalsozialismus. Körperliche Ertüchtigung war das wichtigste Ziel. Ich war immer mit Abstand der letzte. Wenn meine Klassenkameraden im Schlagballweitwurf ihre 50 Meter oder 70 Meter geworfen hatten, kam ich dran, nicht selten mit einer höhnischen Bemerkung des Lehrers. Meine Ergebnisse hatten nie ein Lob verdient: 14 Meter oder 15 Meter, einmal sogar 19 Meter mit Rückenwind. Beim 60-Meter-Lauf wurde nach 16 bis 18 Sekunden meine Zeit kommentiert mit "Unsere Schnecke ist auch angekommen.". Ich erinnere mich nicht, daß einer der Sportlehrer mir je Tipps gegeben hätte, wie ich mich durch Übung hätte verbessern können, wohl aber träume ich auch heute noch gelegentlich, daß ich laufen muß und meine Muskeln folgen mir nicht. Die Verzweiflung von damals, der Pranger, an den ich mich gestellt sah, sie sind nach mehr als 60 Jahren immer noch so lebendig wie das Gefühl, daß die Schule nicht versucht hat, mir bei einer Verbesserung meiner Leistungen zu helfen. |
| Üble
Gegenwart: Amoklauf
Noten
|
Auf den 6.12.06 ist im Internet ein "Amoklauf"
durch eine Schule Baden-Württembergs angekündigt worden. Grund:
Rache für schlechte Noten. Ob es sich um eine leere Drohung oder um
eine ernst zu nehmende Nachricht handelt, mußte sich im Lauf des
Nikolaustags erweisen.
- Es war ein Trittbrettfahrer; die Aufregung war umsonst. Dass es töricht ist, wenn eine Gesellschaft die Vorstellung aufkommen lässt, dass die Erteilung von Noten ein Willkürakt der Lehrkräfte ist, steht schon im Voraus fest: |
| Würde man die Ziele des Unterrichts in überprüfbarer Form entsprechend den Forderungen des Dortmunder Manifests öffentlich zugänglich machen, könnte der Eindruck von Lehrerwillkür nicht entstehen. Die Rolle der Lehrkraft würde sich in den Augen der Lernenden von der allmächtigen Autorität, deren Wohlwollen man auf gute oder weniger gute Art gewinnen muß, in die des Helfers wandeln, der den Lernenden bei der Auseinandersetzung mit der Sache unterstützt. Ein altes Beispiel dazu hier. | |
| Sportliche
Kondition
und kognitive Schwächen |
Die meisten unserer Mitmenschen fürchten
das Bekanntwerden von kognitiven Schwächen weitaus mehr als offenkundige
körperliche Behinderungen. Das hat Konsequenzen in der Schule. Die
Sensibilität für Probleme bei der persönlichen Verarbeitung
kognitiver Schwächen ihrer Schüler ist nicht bei allen Lehrkräften
hinreichend entwickelt. Im Gegenteil, es gibt sogar solche, die ihre eigenen
früheren Niederlagen ausgleichen, indem sie mit einer gewissen Genugtuung
schwache Schülerleistungen ohne Rücksicht auf die Betroffenen
vor der Klasse ausbreiten. So werden Looser an den Pranger gestellt.
Wie Kinder und Jugendliche mit solchen Situationen umgehen, hängt von den Umständen ab. Extreme Reaktionen wie die von Sebastian B. sind selten. Aber auch bei den anderen bleiben Schäden zurück, die man vermeiden könnte. |
| Der Reiz von Computerspielen | Offensichtlich sind Computerspiele für
Jugendliche faszinierend! Sie bieten die Möglichkeit, sich abzureagieren
und Erfolge zu erleben. Solange man sich nicht in die Spitzengruppe einer
Scoreliste vorgearbeitet hat, schaut niemand zu, vor niemand wird man bloßgestellt
- im Gegensatz zu vielen peinlichen Phasen im Unterricht. Die Jugendlichen
können solange üben, bis sie mit ihrem augenblicklichen Stand
zufrieden sind. Zugleich üben sie Konzentration und Reaktionsvermögen.
Ein Platz auf der Scoreliste ist eine zusätzliche öffentliche Bestätigung; wie mühsam es war, diesen Platz zu erobern, bleibt verborgen. Ob man seinen Platz erwirbt durch die Geschwindigkeit, mit der eine Kettensäge einen lebenden Menschen zerteilt, oder indem man durch schnelle Reaktionen Geiseln aus den Händen ihrer Entführer befreit, steht bei den meisten Jugendlichen nicht im Vordergrund. Wichtig an der Struktur des Spiels nicht die Einkleidung, sondern die Möglichkeit, mit schnellen Entscheidungen und Bewegungen Punkte zu sammeln. Deshalb hat auch ein Spiel wie Tetris nach mehr als 15 Jahren immer noch seinen Reiz. Noch heute wird das Spiel in neuen Varianten angeboten:
|
|
Das Geheimnis der
grünen Striche
|
Viele Jahre vor dem ersten PC gab es bereits
ganz einfache Mittel, um bei Kindern Motivation zu erzeugen. Grüne
Striche sind eines davon.
Links sehen Sie die grünen Striche,
die im Schuljahr 1961/62 im Mathematikunterricht einer ersten Gymnasialklasse
vergeben wurden. Einen grünen Strich gab es
Der Lehrer mußte dafür sorgen, dass nach wenigen Wochen jedes Kind mindestens einen grünen Strich bekommen hatte und dies als gerechten Ansporn empfand. Die grünen Striche waren wichtig für die Kinder - und sogar für die Eltern: Einmal riefen die Eltern von Hildegard am Abend um 21.30 Uhr beim Lehrer an, ob es wahr sei, dass Hildegard am Vormittag in der Mathestunde einen grünen Strich erhalten habe. Die Antwort des Lehrers war "Ja - und nochmals einen Gruß an Hildegard; ich habe mich darüber mindestens so gefreut wie sie." Die grünen Striche von damals entsprechen einem Platz auf einer Scoreliste heute. Das Internet würde es Kindern erlauben, sich zu jeder der 24 Stunden am Tag um einen Platz auf einer Scoreliste zu bemühen, undzwar ohne Zuschauer, wenn das Bemühen erfolglos war, und für alle weltweit sichtbar, wenn es zu einem Platz gereicht hat. Hier ein Beispiel, bei dem jeder und jede ab acht Jahren mitmachen kann. |
| Killerspiele verbieten? | Computerspiele
zu verbieten ist einfach - und es ist dumm und von vornherein zur Erfolglosigkeit
verdammt, wenn nichts Besseres dafür angeboten wird. Das Bessere ist
nicht nur der Feind des Guten; damit kann man auch dem Schlechten das Wasser
abgraben. Verbote für Jugendliche erhöhen den Reiz des Verbotenen.
Angebote - gute und schlechte - motivieren. Daran fehlt es.
![]() Die Einsicht, dass mit dem Verbot nicht genügend erreicht wird, scheint ja da zu sein. Der Wille zu einfachen Alternativen fehlt bei allen Kultusministern. Inzwischen (17.1.07) legt die EU nach: ![]() |
| Die Alternative | Die
Kosten für die Aufräumarbeiten und die Betreuungsangebote in
Emsdetten hätten ausgereicht, um - im Wesentlichen strukturgleich
- in einem beliebigen Themenbereich ein bundesweites Internetangebot an
Lernspielen zu schaffen, bei denen mit dem Lernerfolg gleichfalls ein Platz
auf der Scoreliste besetzt werden kann. Auch nicht zum Schulkanon gehörende
Themen können behandelt werden.
Eine einzelne Scoreliste würde entmutigen. Die nachhaltige Attraktivität für eine große Zahl von Jugendlichen kann man steuern mit gestuften Scorelisten (regionale Listen, Tages-, Wochen- und Monatsscores), mehr noch natürlich, wenn man bescheidene Preise für die ranghöchsten Jugendlichen in den einzelnen Scorelisten aussetzt. Lokal hatten solche Angebote über Themen aus der Wirtschaft oder aus dem Firmenwissen großen Erfolg. (Näheres, insbesondere Erfahrungsberichte mit dieser Art der Motivation, auf Anfrage. Während meiner beruflich aktiven Zeit waren sogar Mathematikolympiaden für Hauptschüler - damals noch mit Papier und Bleistift - attraktiv.) Würden die Kultusminister überprüfbare Anforderungen entsprechend dem Dortmunder Manifest an die Stelle nebulöser sogenannter Bildungs-"Standards" setzen, gäbe es eine Grundlage für solche Angebote aus dem Schulstoff. Würde die Wirtschaft
ihre Erwartungen an Wissen und Können der Schüler in überprüfbarer
Form transparent machen, so würde auch die Schule endlich zu ersten
Schritten von der handwerklichen Einzelarbeit des 19. Jahrhunderts
in die Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts ermutigt. Die Wirtschaft
hätte Gelegenheit, über die Inhalte selbst zu entscheiden.
|
| Kontakt | |
| Aufruf | Wenn Sie
- über die Verwendung von Stiftungsgeldern
entscheiden oder
gibt es ein breites Spektrum von Realisierungsmöglichkeiten. Im Augenblick können Sie dann sogar der (oder die) erste sein, der in diesem Bereich philanthropisch tätig wird oder einen großen Impakt erzielt (Kontakt). |
| Kontakt | |
| Und jetzt Winnenden | Der größte Teil des oben stehenden
Beitrags ist im Jahr 2006 entstanden.
Heute, wenige Tage nach dem Amoklauf von Tim K. in Winnenden läuft alles wieder wie nach Erfurt und Emsdetten. Ohne schlüssigen Nachweis wird unqualifiziert gefordert: "Killerspiele" sind schuld, also lasst uns Killerspiele verbieten:
oder
Wirklich? Oder ist es nur wieder der gleiche populistische Aktionismus wie schon nach Emsdetten? - wie wenn es keinerlei Erfahrungen mit Prohibition geben würde. Wenigstens der Psychologie müsste wissen, dass seine Forderung reiner Populismus ist. Verbote erhöhen den Reiz, sich solche Spiele zu beschaffen. Und Jugendliche finden immer Wege, wenn es darum geht. Ist es zynisch von den Schulbehörden und ihren Ministern, oder schlicht Unkenntnis über das, was in Jugendlichen in der Schule von heute vorgeht? Freilich gibt es auch einige wenige Pressestimmen, die versuchen, die Hintergründe solcher zerstörenden Aktionen anzusprechen. Verfolgt man die Internetdiskussionen, findet man schnell einen der Schlüssel, mit denen man solche Verzweiflungstaten eindämmen kann. Wer im Alltag nicht nur keine Anerkennung findet, sondern sogar noch verspottet und bloß gestellt wird ("Du bist sogar zu dumm, um in der Müllabfuhr zu arbeiten" - Ahnungslosigkeit darüber, dass der Müllwerker kompetent, sorgfältig und schnell und hart arbeiten muss), sucht an anderer Stelle Bestätigung. In den entsprechenden Foren des Internet tritt dieser Wunsch vielfach auf, z.B. "Was mich an den Spielen begeistert ist das relativ einfache Erreichen von Anerkennung. Und so geht es sicher vielen Spielern. Es ist aber nicht das tolle Gefühl "weil ich jemanden (etwas) erschossen habe", sondern weil ich besser war als jemand anderer. Ich war schneller, habe besser gezielt, hatte die bessere Position... es ist schlicht und ergreifen sportlicher Ehrgeiz, und das selbe positive Gefühl wie bei einem gewonnenen Spiel." schreibt Freak78 am 11.11.08 im Blog Mitmischen des Deutschen Bundstags http://www.mitmischen.de/index.php/Interaktiv/ForumThreadDetail/forum/53/topic/305/id/71589/page/2 - ein Beispiel unter vielen. Eine Gesellschaft, die ihre Jugendlichen zu ca. 10 000 Stunden Unterricht (314. Sitzung der KMK) verpflichtet, wenn sie die allgemeine Hochschulreife erreichen wollen, und nicht nachvollziehbar offen legt, was für Qualifikationen sie in diesem Zeitraum erwerben sollen, und deren Auswahl weitgehend der Willkür des einzelnen Lehrers überlässt, wird immer wieder neu Jugendliche zum Ausrasten bringen. Die Vorstellung, dass die Schule des neunzehnten Jahrhunderts die dem einundzwanzigsten angemessene Lernorganisation bietet, schadet dem einzelnen Jugendlichen und sie schadet unserem Land. Bleibt da nicht auch ein Stück Verantwortung für die Vorgänge von Winnenden an den Schulverwaltungen hängen? Wege, den Jugendliche objektiv überprüfbare Ziele zu setzen gibt es genug. Dann muss man aber die Lernorganisation des 19. Jahrhunderts durch zeitgemäße Lernformen übersetzen. |
| - und Ansbach (17.9.09) | Nur wenige Monate liegen zwischen dem
Amoklauf in Winnenden und dem in Ansbach. Wieder war es wohl eine Verzweiflungstat
eines gemobbten Jugendlichen. Er hat gezeigt, dass eine solche Handlung
auch ohne Schusswaffen möglich ist. Und dass die bisherige "Erziehung"
in Elternhaus und Schule bei dem Täter keine mentalen Hemmungen gegen
Selbstjustiz aufgebaut hat.
Offenbar es es in dem neuen Fall nicht ganz so einfach, den Auslöser bei den "Killerspielen" festzumachen, obwohl diese auch schon wieder ins Gespräch gebracht worden sind. Die aus Anlass der Katastrophe in Winnenden in den letzten Abschnitten aufgeworfene Frage, ob die Verminderung der obrigkeitsstaatlichen Restriktionen zeitgemäßer Lernorganisationen (siehe "Und jetzt Winnenden" ) im Vorfeld viele Demütigungen Jugendlicher und das darauf beruhende Ausrasten vermeiden könnte, ist bei Schulverwaltungen und den Meinungsmachern in den "Medien" noch nicht angekommen. |