Stand: 12.7./11.8.06
Vom Fußball zur Bildung?

"Toooor; 3:2 für den FC Deppenhausen!" - ein klares Ergebnis, wenn sich bis zum Abpfiff nichts mehr ändert. Wer bis 3 zählen kann, versteht es.

Millionen haben in der vergangenen vier Wochen die Spiele der WM verfolgt. Entschieden wurde nach klaren Regeln. Am Ende führte das Verfahren zu einem Weltmeister: Italien.

Fußball in der Arena und Lernen in der Schule: Größer können die Unterschiede kaum sein. 

Lohnt es sich, jetzt nach diesen großartigen Spielen, darüber nachzudenken? Sich mit Fakten auseinanderzusetzen?

Was Fußball in den vier Wochen der WM-Spiele an Emotionen erzeugt hat, welche Motivation geweckt worden ist, war auch für einen Fußballmuffel wie mich beeindruckend. So viele Fahnen auf den Straßen hatte ich zuletzt in der Nazizeit gesehen, wenn zwangsweise Beflaggung angeordnet war. Damals wurde auf üble Weise angepöbelt, wer ohne die vorgeschriebenen Symbole auf der Straße angetroffen wurde (ähnlich wie ich vor rund 25 Jahren von meinen Kollegen an der Pädagogischen Hochschule angepöbelt wurde, als ich bei einem deutsch-franzöischen Freundschaftstreffen wie jetzt unsere Fußballer die dritte Strophe des Deutschlandliedes mitsang). 

In der WM-Zeit haben Millionen Deutsche die Gäste bei der WM freiwillig mit Fahnen begrüßt.

Jetzt träume ich davon, daß ich noch einen solchen Aufbruch im Bildungswesen erlebe. Daß kognitives Lernen nicht verachtet wird, sondern sogar dem schwächsten Hauptschüler Freude macht. Lesen Sie dazu den Handytest, wenn Sie die Schwierigkeiten dabei zur Kenntnis nehmen wollen, und machen Sie - oder ihre Kinder - hier einen Versuch, wenn Sie Ihre Vorstellungen von modernen Lernmöglichkeiten erweitern wollen. Wenn  Sie sich allgemein über das Thema informieren wollen, bietet sich der Site www.bildungsstandards.de zum Surfen an. Hier lesen Sie mehr zu Fußball und Bildung.

Fußball in der Arena Lernen in der Schule
Seit 11.6.06 steht hier:

"Wie Deutschland in der Fußballweltmeisterschaft 2006 abschneiden wird, wissen wir spätestens in vier Wochen. Nach Abschluß der WM 2006."

Heute, am 10.7.06 wissen wir: Im Fußball finden wir Deutschland unter den ersten Drei der Welt. 

Wie Deutschland im Bildungswesen steht, sehen Insider nicht erst heute sondern bereits seit Jahrzehnten. 

Spätestens seit PISA lassen sich die katastrophalen Zustände im deutschen Bildungswesen nicht mehr verheimlichen: Deutschland ist - noch - unter den Mittelmäßigen.


 
 
 
 
 
 

Die Trainingszeit wurde vom Trainer und der Mannschaft individuell vereinbart. Der Trainingserfolg wurde bei allen Spielern mit der gleichen Methode objektiv gemessen.

Beim Fußball gibt es feste Regeln für die Spieldauer, nicht jedoch für die Trainingszeit. Beim Fußball zählt  nicht der Zeitaufwand beim Training, sondern der objektive Erfolg!

Ursache sind die Grundvorstellungen über das Lernen, die in Deutschland gepflegt werden und jetzt neu in den KMK-Verlautbarungen zum Ausdruck kommen. Nach wie vor ist den Experten der KMK die Dauer der Schulzeit wichtiger als das, was in dieser Zeit gelernt wird:

"Dabei ist ein Gesamtstundenvolumen von mindestens 265 Jahreswochenstunden ab der Jahrgangsstufe 5 bis zum Erwerb der Allgemeinen Hochschulreife nachzuweisen. Darauf können bis zu fünf Stunden Wahlunterricht angerechnet werden." (Ende Abschnitt 3 der Pressemitteilung zur 314. Sitzung der KMK; Zugang über http://www.kmk.org/aktuell/home1.htm; immer noch nicht unmittelbar zitierfähig!)
 


 
 
Zum Vergleich: Was halten Sie von einem neuen Gesetz für Autobauer "Dabei ist eine Gesamtmontagezeit von mindestens 265 Stunden für die Erlaubnis zur Zulassung des Autos nachzuweisen." Absurd; ein Problem der deutschen Autobauer liegt darin, daß zum Beispiel die japanische Firma Toyota weniger Zeit für die Montage aufwenden muss, niederere Löhne als in Deutschland zahlt und trotzdem weniger Qualitätsprobleme bekämpfen muss als die deutsche Autoindustrie.

Auch die Fußballmannschaft wird nicht daran gemessen, ob sie sich mindestens 90 Minuten auf dem Spielfeld aufhält. Es kommt in erster Linie darauf an, wie viele Tore sie in dieser Zeit erzielt, in zweiter, ob sie ein faires und elegantes Spiel zeigt.

So sollte es auch beim Lernen sein. Wichtig ist nicht, wie lang man sich mit Lernen beschäftigt, sondern was dabei herauskommt. 

Die KMK geht dagegen immer noch davon aus, das alle Kinder und Jugendlichen in jedem Lernbereich die gleiche Lernzeit investieren müssen. Das führt, zusammen mit der panischen Angst vor klar definierten Lernzielen dazu, daß die Lernzeit der meisten Kinder und Jugendlichen zum großen Teil sinnlos verbraucht wird: Eine unverständliche Verschwendung von Ressourcen. 

Aus meiner Schulzeit erinnere ich mich daran, dass im Bereich meiner motorischen Schwächen nie so lange geübt wurde, daß ich es im Sport zu einem Erfolg gebracht hätte. Deshalb war ich damals, im "Dritten Reich", eine unbrauchbare "Flasche". In den kognitiven Fächern hätten meine Lernzeiten ohne Einbußen am Lernerfolg leicht auf einen Bruchteil reduziert werden können. So habe ich mir die Zeit im Unterricht häufig mit Lesen oder mit "Seeschlachten" vertrieben oder zum Beispiel die Mathematik des vorletzten Schuljahrs vor dem Abitur lässig innerhalb von vierzehn Tagen in täglich zweistündiger Arbeit (mit "sehr gutem" Erfolg) nachgelernt, da ich auf dieses Schuljahr nach einigen bürokratischen Hindernissen verzichten konnte.

Später, in meiner aktiven Dienstzeit als Klassenlehrer an der Schule,  habe ich des öfteren Schüler mit Defiziten in Sprachen oder Lernfächern ermutigt, im Übungsteil von Mathematikstunden lateinische Vokabeln oder griechische Stammreihen zu lernen; sie haben es mir zuliebe getan, manche "5" dadurch vermieden und ihre "1" in Mathematik trotzdem behalten.


 

Fußball in der Arena
 Lernen in der Schule
Stellen Sie sich einmal ein Fußballspiel vor, bei dem Spielern und Zuschauern vom Schiedsrichter erst nach dem Spiel gesagt wird, welche Regeln während des Spiels gegolten haben.   Für das schulische Lernen soll nach Auffassung der Kultusminister gelten: "Die Länder sind sich darin einig, dass mit der Setzung der Bildungsstandards als Referenzrahmen eine Entwicklung hin zum 'teaching to the test' oder eine Verengung des Unterrichts auf die Anforderungen der Standards verhindert werden muss." http://www.kmk.org/aktuell/Gesamtstrategie%20Dokumentation.pdf.

Leider sind sich die Kultusminister nur einig darüber, was im Unterrricht nicht erreicht werden soll, nicht jedoch darüber, was die Schüler nachher können sollen.

Lesen Sie einmal, was Kultusminister als Standard bezeichnen, besonders hier.

Die Fußballspieler trainieren für einen Erfolg auf der Grundlage des für alle geltenden Regelsatzes. Die Schüler müssen beim Lernen erahnen, was der Lehrer in seinem "heimlichen Lehrplan" erwartet.

 
 
Was beim Fußballtraining das Ziel des Trainers ist,  soll beim Unterrichten verhindert werden! - Weil die Kultusminister bisher verhindert haben, daß Noten durch einen transparenten und reproduzierbaren Prozess und nicht durch eine Willkürentscheidung des Lehrers entstehen.

Solange die Unterrichtsziele mit der Waage der Baleks (Heinrich Böll) gemessen werden, darf es kein "teaching to the test" geben. Erst wenn die Lernenden freien und unmittelbaren Zugang zu transparenten Bildungsstandards entsprechend dem Dortmunder Manifest  haben, werden wir das Lernpotential, das in unseren Kindern steckt, ausschöpfen können. Wenn wir ihre natürliche Lernmotivation nicht zuschütten, sondern fördern.

Wie wenig das geschieht, zeigt der "Handytest": Eine Auswahl besonders aktiver Informatikdidaktiker zweifelt im Jahr 2005 nicht daran, daß sie gegen Hauptschüler einer 7. Klasse solange keine Chance bei einem Handytest hat, solange die Hauptschüler die Handybedienung selbstständig lernen dürfen. Sie sehen erst eine Gewinnchance, wenn die Schüler einen einstündigen Handyunterricht über längere Zeit absolviert haben!!!


 
Fußball in der Arena  Lernen in der Schule
Wichtig ist das Zusammenspiel der Mannschaft; nur die Arbeit im Team bringt den Erfolg. Fast ohne Ausnahme werden die Schüler beim Lernen isoliert. 
Spieler, die der Mannschaft besonders zum Erfolg verhelfen, genießen hohes Ansehen und sie werden fürstlich bezahlt. Das Monatseinkommen eines Spielers kann leicht das Lebenseinkommen eines normalen Mitbürgers übertreffen.
 
 

Ein Beitrag des Fußballs zum wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands ist fraglich. Spiele statt Brot? (s.u.)

Fast nur gute Leistungen im Sport verschaffen einem Schüler Ansehen. Gute Leistungen in kognitiven Fächern wecken den Neid vieler Lehrer ("Ein einziges Mal wenigstens hätte ich gern solche Noten gehabt wir Du.") und Mitschüler ("Wenn Du in der nächsten Französischarbeit besser als "3" schreibst, kriegst Du ein Messer in den Leib.").

Für ein Land, das von den kognitiven Leistungen seiner Elite leben muss, ist das auf Dauer sicher schädlich.


 
 
Fußball in der Arena und Lernen in der Schule

Was sichert unsere Zukunft besser?

"Kernkompetenz Fußball - wie Deutschland als Exportweltmeister versagt" 

ist der Titel eines Beitrags, den Dr. Hendrik Leber in verschiedenen Zeitungen (z.B. FAZ vom 2.3.06) veröffentlicht hat. In Kürze: Die Bundesliga zahlt jährlich fast 400 Millionen Euro Steuern und beschäftigt mittelbar oder unmittelbar mehr als 30 000 Personen. Die Spieler der Nationalmannschaft, heutzutage unter anderem Handelsobjekte, haben einen Marktwert von rund 7 Millionen Euro pro Kopf. In manchen anderen Ländern wird doppelt so viel für einen Spieler bezahlt.

Leber kritisiert die Qualitätsmängel in der Ausbildung: "Wertvolle Talente kommen nicht von hier.", das heißt, Deutschland hat im Fußball einen Importüberschuß. Leber beklagt, daß Deutschland zu wenig in die Nachwuchsförderung im Fußball investiert, und fährt fort, daß man für Dienstleistungen, Forschung, Software-Entwicklung Bankwesen, Medizin zum gleichen Ergebnis kommen kann. Er schließt "Unsere Schwächen sind dort, wo wir Kernkompetenzen vermuten". 

Jetzt gibt es doch noch Gemeinsamkeiten zwischen Fußball und Lernen:

Auch Bildung ist in Deutschland keine Kernkompetenz mehr - weit weniger als Fußball

Das muß nicht so bleiben. Es wäre so einfach, Lernen zu einem spannenden Erlebnis zu machen. Ein wesentliches Element der Faszination von Computerspielen ist die sofortige Rückmeldung in Form eines Scores. Wichtig ist zudem die unbegrenzte Wiederholbarkeit des Spiels - ohne die Bloßstellung vor einer Schulklasse. Für viele Kinder ist es schon eine Belohnung, einige Zeit auf einer Scoreliste oben zu stehen.

Wollen Sie das selbst einmal ausprobieren oder einem zehnjährigen Kind dabei zusehen? Dann klicken Sie einfach hier.

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Ein Reporter fragte während der WM-Zeit die Leute auf der Straße, wie oft Brasilien schon Europameister im Fußball war. Ca. zwanzig Mal bekam er als Antwort. Beim Nachstoßen, wo denn Brasilien liege, hieß es "Bei Spanien", das heißt, eine Teilnahme Brasiliens an der WM wäre damit nicht ausgeschlossen gewesen, aber ... .

 
Beim Training der deutschen Mannschaft für die WM-Teilnahme galt nicht "business as usual". Eine wesentliche Änderung war ein individuelles Fitness-Training in eigener Verantwortung mit klaren Zielen, zum Beispiel für die Pulshöchstfrequenz. Diese Frequenz durften die Spieler nach Zeitungsberichten selbst messen und ihr Training nach den erreichten Zielen selbst organisieren. Dabei wurden sie von den Trainern individuell beraten.

Wir verzichten in Deutschland beim schulischen Lernen weitgehend auf die Mitwirkung der Lernenden bei der eigenen Lernorganisation. Insbesondere verweigern wir ihnen die autonome Benutzung von Rückmeldungen und diffamieren diese sogar als "learning to the test". 

Für Jugendliche entsteht ein Teil der Faszination von Computerspielen (oder auch hier) aus der sofortigen Rückmeldung. Auf dieses Motivationspotential verzichten wir beim schulischen Lernen, obwohl es heute ganz einfach wirksam werden könnte, wenn die Kultusministerkonferenz nur wollte - oder wenn genügend Leute modernes, selbstbestimmtes Lernen forden.