Stand 1.7.09/10.1.10
Kühe, Kinder und Kultusminister(innen)

Aktion Autonomes Lernen


Die Form ist hohl -

 
 


Kühe Kultusministerien können von modernen Landwirten lernen: Deren Kühe dürfen selbst wählen, wie oft und wann sie gemolken werden wollen. Das gefällt den Kühen besser als erzwungene Melkzeiten; sie geben deshalb nach einschlägigen Internetberichten bis zu 10 Prozent mehr Milch, und die Milchqualität (gemessen an objektiven Kriterien wie Fettgehalt, Keimzahl, ...) ist besser als bei der überkommenen Viehhaltung. Außerdem kann ein solcher Landwirt mehr als doppelt so viele Kühe mit weniger Arbeit besser pflegen. Ein Trick dabei: Für ihre Milchleistung werden die Kühe unverzüglich belohnt.

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Kinder Konventionell beschulte Kinder und Jugendliche dürfen nicht wählen, wann und was sie lernen. wollen. Sie leiden unter erzwungenen Lernzeiten. Sofortige, objektive Rückmeldungen über ihre Lernleistung erhalten sie selten oder nie. Das schwächt ihre Lernmotivation; Lernleistung wird nicht angemessen belohnt. Sie weichen – deshalb (?) - aus auf Jobben oder auf Computerspiele, in denen sie unverzüglich für ihre Leistung im Spiel nach objektiven Maßstäben belohnt werden. Gute Leistung im Spiel führt zu hohem Ansehen in einschlägigen communities. Das motiviert auch schwache Lerner zu konzentrierter und ausdauernder Arbeit (20 bis 50 Stunden pro Woche!). 

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Kultusministerien Kultusminister Rau (BW) schreibt am 11.5.09 in der Südwest Presse: 
"Es ist alarmierend, wenn Kinder ihre gesamte Freizeit vor dem PC ... verbringen." 

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Ist es nicht noch viel alarmierender, dass die Kultusministerkonferenz

- Mindestlernzeiten (statt Höchstlernzeiten) festsetzt,
       das heißt, schnelle Lerner sind nicht erwünscht (Max Planck (Abitur mit 16) hätte
        sich anders orientieren müssen), 
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- im Internet keine objektiv überprüfbaren Bildungsziele anbietet,
       das heißt, der Notenwillkür ist Tür und Tor geöffnet, 
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- selbstorganisierte Lernleistungen in der Regel nicht anerkennt,
       das heißt, Eigeninitiative wird erstickt,
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- Steuergelder verschwendet,
       das heißt, vermeidbare Parallelarbeit von mehr als  500 000 Lehrkräften verantwortet ?
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Zu Kühe:

Vielfach werden Kühe heute nicht mehr im Stall angebunden. Sie bewegen sich frei im Laufstall oder im Freiland. Das Melken besorgt ein Melk-Roboter. Die Kühe fressen oder "chillen". Wenn eine Kuh Lust hat, geht sie zum Melkroboter; gegebenenfalls reiht sie sich in die Warteschlange ein. Ranghohen Kühen, die zum Melkstand kommen, wird ehrerbietig Platz gemacht.

Der Roboter erkennt die Kuh an ihrem Transponder, wäscht und massiert sorgfältig das Euter, überprüft es auf Freiheit von Entzündungen, legt die Melktrichter an, milkt die Kuh aus, gibt sie wieder frei, registriert die Milchleistung, berechnet die Belohnung dafür  und bietet sie der Kuh an. Wenn der Roboter etwas Ungewöhnliches beobachtet, trägt er es bei den Stammdaten der Kuh ein; wenn er ein Problem nicht selbst beurteilen kann, wird der Landwirt telephonisch verständigt. Das gilt natürlich auch mitten in der Nacht, denn die Kuh darf zum Melkstand gehen, wann immer sie das Bedürfnis hat.

Zu Kinder:

Der Verfasser dieses Seite ist heute noch traurig, wenn er an Situationen denkt, in denen er nicht erkannt hat, welche Impulse er den ihm anvertrauten Kindern hätte geben müssen. Schon vor mehr als fünfzig Jahren war es für ihn selbstverständlich, dass er am Ende des Schuljahrs die Schülerinnen und Schüler auf einem vorstrukturierten Blatt um Rückmeldungen für seinen Beitrag zum Lernen der Kinder gebeten hat. Das war für beide Seiten hilfreich. www.Spickmich.de gab es damals noch nicht.

Vielfältige mündliche und schriftliche Rückmeldungen an die Kinder dienten dem Erhalt der natürlichen Lernmotivation. Ein Lernhilferoboter hätte schon damals eine außerordentliche Entlastung der Lehrkraft bewirkt.

Damals gab es noch keine Computerspiele, die mit den Bemühungen der Schule um die Gewinnung von Aufmerksamkeit und vor allem Freizeit der Kinder konkurrierten. Heute ist deren Anziehungskraft für viele Kinder größer als die Angebote der Schule. Sogar während des Unterrichts benützen manche Kinder ihr Handy oder kleine Spielkonsolen für Spiele. (Vor 60 Jahren dominierte in entsprechenden Stunden die "Seeschlacht" auf einem Stück karierten Papiers.)

Ein besonderer Reiz der Computerspiele besteht darin, dass der einzelne Spieler so lang an einem Fortschritt arbeiten kann, wie er will, und er steht dabei nicht in einem belastenden sozialen Kontext, in dem er an den Pranger gestellt wird. Die Übertragung auf Lernprozesse ist kein grundsätzliches Problem; das Internet öffnet dafür zahlreiche low-cost-Möglichkeiten. Wenn man die Schüler an der Entwicklung solcher Materialen beteiligt, schafft das zusätzliche Motivation. Web 2 zeigt die Vorteile einer Einbindung in die Entstehung eines Sites. Es könnte den von Altbundespräsident Herzog angemahnten Ruck erzeugen.

Zu Kultusministerien:

Gäbe es Preise für schlechte Arbeitsorganisation, dann hätten die Kultusministerien mit der von ihnen tradierten Lernorganisation für die Schule heute gute Chancen für den ersten Preis. Vor hundert Jahren wäre vieles noch nicht möglich gewesen, was heute der Stand der Informationstechnik selbständig denkenden Menschen nahelegt. Man muss sich zur Begründung dieser Aussage nur die oben dargestellten und nachstehend erläuterten Randbedingungen vor Augen führen:

Mindestlernzeiten. In ihrer 314. Sitzung hat die KMK (Kultusministerkonferenz) beschlossen, dass für die allgemeine Hochschulreife mindestens 265 Unterrichtswochen - rund 10 000 Stunden - abgesessen werden müssen. Die inhaltlichen Vorgaben für diese 10 000 Stunden sind vage. Individuelle Lerngeschwindigkeiten werden ignoriert oder sind sogar politisch unerwünscht.

Wo in der Wirtschaft setzt man heute Mindesbearbeitungszeiten fest? Im Gegenteil, man führt neue Prozesse ein, damit ein paar Sekunden Bearbeitungszeit gespart werden können. Olympiaden würden sofort ihren Reiz verlieren, wenn man beispielsweise beim Schwimmen Mindestzeiten fordern würde. Wer würde auch nur einen Cent in die Entwicklung schnellerer Fahrzeuge investieren, wenn im Verkehr unbegründet Mindestfahrzeiten von der Politik erzwungen würden?

Überprüfbare Bildungsziele. Was die KMK2003  in ihren "Bildungsstandards für den Mittleren Schulabschluss" vereinbart hat, ist ein typisch politisches Wortgeklingel, dessen Interpretation nicht nur normale Bürger sondern auch viele Lehrer überfordert. Beispiel:  "Die Schülerinnen und Schüler entwickeln Vorstellungen von natürlichen, ganzen, gebrochenen und rationalen Zahlen und nutzen diese entsprechend der Verwendungsnotwendigkeit" . Das als "Standard" zu bezeichnen ist sprachschöpferisch, aber nicht hilfreich. Wer entscheidet, was in konkreten Fällen die "Verwendungsnotwendigkeit" sein soll?

Das zusammen mit den im vorigen Abschnitt genannten Vereinbarungen  gegründete IQB (Institut für die Qualitätssicherung im Bildungswesen) ist zwischenzeitlich einen Schritt weiter. In den "Vergleichsarbeiten", zum Beispiel VERA8 2009, (Sie müssen suchen, weil die Inhalte der verknüpften Seite wechseln) sind die Standards zum Teil implizit durch typische Aufgabenbeispiele definiert, die so formuliert sind, dass die Lernenden selbst ihre Bearbeitung korrigieren könnten, wenn sie Zugriff auf die Löungen hätten. Die Rückmeldungen im Internet anzubieten macht keine organisatorische Probleme. Das zeigen bereits Erfahrungen mit Lernenden einer zweiten Grundschulklasse.

Im IQB_Jahresbericht_2005-2006.pdf heißt es: "Die Umsetzung der Bildungsstandards in guten Aufgaben für die Testung und den Unterricht ist ein langer Weg,  der Geduld und Ausdauer erfordert." Der Weg würde kürzer, wenn die Lernenden mit Web-2-Methoden in den Prozess eingebunden würden statt die Arbeit an Doktorandensklaven von Koryphäen der Bildungsforschung und Bertelsmänner (Terminologie in einschlägigen Bildungsforen wie zum Beispiel den Themenforen des Spiegels) zu übertragen.

Die Realisierung einer Programmierung für die selbständige Bearbeitung im Internet entsprechend dem Dortmunder Manifest wäre nur eine bescheidene technische Arbeit, für ein Angebot zeitgemäßer Lernmethoden jedoch ein gewaltiger Fortschritt: Die Schüler könnten zu beliebiger Zeit ihre momentane Kondition in einem Schulfach mit wenigen Klicks überprüfen - Tag und Nacht, so oft sie wollen, wie die Kühe, die im modernen Laufstall von ihren Ketten befreit worden sind. Zuschauer, vor denen sie herabgesetzt und blamiert werden könnten, hätten keinen Zutritt. Der Weg zu einer modernen Lernkultur wäre gebahnt. Mit einer Scoreliste des Tages und des Monats (oder einer feineren Differenzierung) bekommen die Lernenden zudem einen Vergleich mit anderen Lernern.

Anerkennung von Lernleistungen. Der Staat, vertreten durch die Länder, setzt sein Bildungsmonopol rücksichtslos durch. Er kriminalisiert Eltern, die 'homeschooling" an die Stelle ineffektiver staatlicher Lernorganisation setzen wollen. Die Verletzung der Chancengerechtigkeit für die Lernenden durch die Willkür in der Notengebung verschiedener Lehrkräfte  wird durch die Fiktion der Gleichwertigkeit von Schulnoten kaschiert.

Um die Organisation nachhaltigen Lernens bemühen sich die Schulbehörden nicht ausreichend. Sie nehmen es gelassen hin, dass Hochschulen und Universitäten, vor allem in den MINT-Fächern, sogenannte Vorsemester organisieren müssen, in denen die elementaren Lücken der Studienanfänger in der Beherrschung des Schulstoffs so weit geschlossen werden, dass eine rudimentäre Studierfähigkeit erreicht wird. Schon der Stoff der Unterstufe der allgemeinbildenden Schulen überfordert viele Studienanfänger - und manche Lehrkräfte.

Nötig und zeitgemäß wären klare und überprüfbare Anforderungen, wie sie im Internet angeboten werden können. Nötig wäre die Bereitschaft, Lernergebnisse auch dann anzuerkennen, wenn sie nicht in der Schule erworben worden sind. Nötig wäre es, in der gleichen Weise auch Lernthemen (Umwelt, Nachhaltigkiet, Wirtschaft, ...) anzubieten, die nicht dem derzeitigen Schulstoff entsprechen. Die Schule hinkt mit ihren Themen der Entwicklung oft so lang hinterher, bis eine Anpassung schon wieder überholt ist. Der Rechenstab wurde zum Beispiel in dem Augenblick eingeführt, in dem er durch die elektronischen Taschenrechner technisch überholt war. Die angewandte Informatik fand erst Eingang in den Schulalltag, als interessierte Schüler in selbstorganisiertem Lernen längst den Stand überschritten hatten, den ihre Lehrer in umfangreichen Fortbildungsveranstaltungen mit Mühe Jahre später erreichten. Mit welchem Erfolg auch die sogenannten Hauptschüler den Umgang mit dem Handy besser als viele Erwachsene lernen, ist in einer Satire beschrieben. (Google findet bereits ein Plagiat dieser Satire.)

Verschwendung von Steuergeldern. Bei der Herstellung von Schuhen werden Leisten verwendet. Leisten heißt die Form, über die das Leder genäht wird. Eine Schuhfabrik, in der jede Arbeitskraft eigene Leisten herstellt, macht in kürzester Zeit Pleite, denn die Herstellung eines Leistens ist teuer. Außerdem hängt die Passform des Schuhs von der Sorgfalt der Arbeitskraft ab.

Lehrkräfte müssen für jede Klasse eigene Lernerfolgskontrollen herstellen. Sie verwenden dafür nach eigenen Angaben 10% bis 20% ihrer Arbeitszeit. Außerdem legt jede Lehrkraft ihre individuellen Maßstäbe an die Schüler an. Das führt zu einem großen Maß von Willkür. Die Chancengleichheit der Lernenden wird grob verletzt. Aufgaben im Internet zur Bearbeitung mit unverzüglichen Rückmeldungen könnten die meisten der Lernerfolgskontrollen preisgünstig ersetzen. Sie würden zudem die Übungsmöglichkeiten für die Lernenden vervielfachen und von der Bindung an feste Zeiten befreien - wie die Kühe im modernen "Stall" selbst die Wahl haben.

Allein bei den Mathematiklehrern werden für diese Lernorganisation mehrere hundert Millionen Euro Jahr für Jahr ohne Not aufgewendet. Wären geringere Ausgaben bei besserem Lernerfolg nicht ein Ansatz für eine echte Bildungsrepublik, jenseits der Schlagworte? 

Wir brauchen  eine "Aktion autonomes Lernen" für Kinder und Jugendliche, soweit sie sich durch die Anforderungen der Schule nicht genügend angeregt fühlen, als Alternative zu zeitfressenden Computerspielen. 
 
 

Aktion autonomes Lernen?

Es ist klar, was getan werden muss, wenn man einen Weg für die Optimierung des Lernens in Deutschland öffnen, das heißt, Deutschland tatsächlich die Chance geben will, eine Bildungsrepublik zu werden:
 

  • An erster Stelle steht die Entwicklung und Veröfffentlichung von überprüfbaren Zielen, an denen sich auch der klassische Unterricht ausrichten kann und muss. Das Dortmunder Manifest beschreibt die wesentlichen Forderungen an die Umsetzung.
  • Der Entwicklungsprozess muss demokratisiert und aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft und Kultusbehörden befreit werden. Das bedeutet, dass die Intelligenz der Lernenden in den Prozess einbezogen werden muss.
  • Die Festlegung von Mindestlernzeiten muss ersatzlos entfallen.
  • Das Wichtigste: Lernleistungen außerhalb des klassischen Bildungswesen müssen den Lernleistungen in Schule (und Hochschule) gleichgestellt werden.
  • Unterstützend wirkt, wenn das Interesse an Lernergebnissen in den Medien einen ähnlichen Stellenwert bekommt wie die Fußballspiele oder Olympialeistungen im Sport. 


Eine Umsetzung dieser Forderungen wird realistisch, wenn ein gemeinnütziger "Verein für autonomes Lernen" gegründet wird, meint Fritz Nestle in Ulm, der mehr als 70 Jahre passiv und vielfach aktiv im Bildungswesen tätig war. 

Kontakt, Begründung und weitere Informationen: http://www.bildungsstandards.de/00/emasun.htm
 


 
 


Hat Helmut Rau die Frage beanwortet?


 - aber das kriegen wir schon gebacken!
Notfalls als "Springerle"!