07.07.07/07.07.08/20.02.09
Schon wieder ein neues Schulfach: Wirtschaft?  Oder?
 

Der Ruf nach neuen Schulfächern
Bilanz ziehen
Google und neue Schulfächer
Was schon gemacht wurde
Lernen neu denken
Hoffen auf die Zukunft

 

Im Mai 2007ging die öffentliche Diskussion (wieder einmal) um ein

Schulfach "Ernährung" ?


Jetzt im Juli 2007 ist in den Medien wieder eine andere alte Forderung an der Reihe:

Schulfach "Wirtschaft" ?







Die Jugend verstehe zu wenig von Wirtschaft, meint Prof. Weber vom Bundesverband deutscher Banken und hat damit sicher Recht. Deshalb fordert er ein neues Schulfach Wirtschaft.

Ist diese Forderung zweckmäßig: Kommentar
 


 

Der Ruf nach neuen Schulfächern

Die Jugend versteht aber auch zu wenig von Ernährung, von Politik, Medien, Drogen, Straßenverkehr, Glück, Fernsehen,  Benimm, Theater, ..., Familienkunde, Gesundheit, Religion  (pro Reli), ... 

Anlass für neue Schulfächer?

Versteht die Jugend denn genügend von den alten Schulfächern (Deutsch, Mathematik, ...) ? Da gibt es doch die TIMSS- und PISA-Ergebnisse, die das berechtigterweise in Frage stellen. 

Was soll man streichen, wenn schon jetzt über Stofffülle geklagt wird? Viele glauben noch das Märchen, dass längere Bildungsdauer zu größerem Bildungserfolg führt. Sie ignorieren, dass die Lernfähigkeit verschiedener Menschen verschieden groß ist. 

Vielleicht gibt es heute noch andere Möglichkeiten, Jugendliche zum Lernen zu bringen, vielleicht sogar effektivere?
 

Genau ein Jahr später hat sich das Bild nicht geändert. Die Schule versteht es nicht einmal, die Fächer des klassischen Schulkanons so nachhaltig zu unterrichten, dass die Schüler am Ende der Hauptschule mit 7 + 11 keine Probleme haben oder am Ende der Gymnasialzeit über eine elementare Prozentvorstellung verfügen:


 
 


Bilanz ziehen?

Prof. Weber lobt nach dem Bericht der FAZ das zwanzigjährige Engagement der Wirtschaft: "Monat für Monat beziehen rund 67 000 Pädagogen" den Informationsdienst des Bundesverbands der deutschen Banken. Das kostet jedes Mal einige zehntausend Euro.

Sollte man nicht nach diesen 20 Jahren einmal Bilanz ziehen und prüfen, ob es sich bei dieser Aktion nicht um eine Fehlallokation von Resourcen handelt? Und gegebenenfalls eine zeitgemäße Alternative prüfen? Eine Alternative, bei der ein bescheidener Start schon für weniger als zehntausend Euro zu haben ist?


 
 



Teil einer Seite aus Google zu "neues Schulfach": rund 42 000 Fundstellen am 17.9.07


 
 


Was schon gemacht wurde

1992/1993 hat die Commerzbank Ulm im Rahmen eines Tests auf einer Ulmer Verbraucherausstellung einen Wettbewerb "2 Minuten Wirtschaftswissen" gesponsert. Interaktiv bekamen die Teilnehmer zufällig einen von 17 Fragesätzen. Der Rechner bewertet die Antworten und meldet einen Score zurück. Ist der Score höher als die 10 besten vorausgehenden Bearbeitungen, wird der Bearbeiter mit seinem (Nick-)Namen in die Scoreliste aufgenommen. Die Commerzbank  hatte einige jugendgeeignete Preise ausgesetzt. Der erste Preis war eine Einladung in die Commerzbankzentrale in Frankfurt.

Die Begeisterung der Jugendlichen war, wie von mir erwartet, fantastisch. Leider hat die Commerzbank die Abteilung, in der der Wettbewerb angesiedelt war, aufgelöst. Aus persönlichen Gründen konnte ich damals keine neue Zeit in das Projekt investieren. Rund zehn Jahre später brauchte eine mittelständische Firma ein Incentive, um das Wissen über die Firma bei den Arbeitnehmern zu verbessern. In der gleichen Struktur wie "2 Minuten Wirtschaftswissen" wurde "2 Minuten Firmenwissen" für das Intranet gestaltet. Der Erfolg war umwerfend: In den zehn Tagen des Wettbewerbs gab es 22 000 Bearbeitungen. Vielleicht war die bei der Evaluierung des Projekts angestellte Rechnung der Firma zu kurzsichtig; sie kam zu der Auffassung, dass 44 tausend  Minuten Arbeitszeit (bei einem Jahresgewinn von mehr als 500 Millionen Euro) für eine Motivationskampagne zu teuer sind.

Heute kann eine aktualisierte Fassung von "2 Minuten Wirtschaftswissen" im Internet in einem kurzen Zeitraum Millionen von Bearbeitern anziehen. Sponsoren haben nicht nur einen good-will-Gewinn, sondern auch Kontakte zu künftigen Leistungsträgern. 

Hier finden Sie Kontakt zum Verfasser dieses Vorschlags.
 


Zwischenzeitlich sind drei von den 17 "Übungen" davon in eine zeitgemäßere Oberfläche umgesetzt, inhaltlich jedoch nicht geändert  worden. Hier können Sie das (und Ihr Wissen) testen.


 
 


"Lernen neu denken" ist gefragt

Das Wissen um zeitgemäße Formen der Motivation ist noch wenig verbreitet. Das Internet ist erst gut zehn Jahre im Fokus der Öffentlichkeit. Die heutige Firma IBM hat Jahrzehnte gebraucht, bis sie entdeckt hat, dass ihre Maschinen nicht nur zählen sondern auch rechnen können.

Wie man in einer Schulklasse mit primitivsten Mitteln Motivation wecken kann, zeigt das Beispiel der grünen Striche

Sport, zum Beispiel Fußball, braucht den Leistungsvergleich. Die Zahl der geschossenen Tore bestimmt den Rang eines Spielers, das Torverhältnis am Ende eines Spiels den Rang einer Mannschaft. 

Die Faszination. die von Computerspielen ausgeht, liegt wohl auch zum Teil in raffinierter Grafik. Wesentlich und unverzichtbar ist indessen, durch erfolgreiches Bestehen von Anforderungen einen hohen,abstrakten Status zu erreichen (bei World of Warcraft  - WoW - zum Beispiel 'level 70'), einen guten Platz auf einer Scoreliste zu besetzen oder schließlich eine reale Belohnung zu erhalten. Die Ziele sind indessen klar. Es wird über Spieler berichtet, die 9 Stunden am Tag in WoW herumhängen. 

Im kognitiven Bereich gibt es kaum Anforderungen, die vergleichbar formuliert sind und dem Bearbeiter entsprechende Rückmeldungen liefern. Das Dortmunder Manifest gibt Auskunft , was bei einem Angebot solcher überprüfbarer Bildungsziele beachtet werden sollte.

Bei dem OECD-Koordinator für die PISA-Studie, Andreas Schleicher, kann man schon erste Anzeichen für neue Lernkonzepte entdecken:

Schleicher denkt immer noch nur an Schule und Unterricht, wenn es um Lernen geht. Die Ausdehnung selbstorganisierten Lernens auf den Schulstoff ist offenbar noch außerhalb seines Aktionsbereichs, obwohl ein großer Teil des Lernens inzwischen außerhalb der Schule stattfindet. Freilich gibt es die von den Lernenden angestrebten Berechtigungen nur für schulisches Lernen.  Bei den Leistungsrückmeldungen (in seinem oben zitierten Beitrag rechte Spalte) kann man auf Grund seiner sonstigen Äußerungen nicht erwarten, dass in seinem Blickfeld schon Leistungsrückmeldungen aus dem Computer sind. Diese Weitsicht darf man aber wohl nur von einem fortschrittlichen Wirtschaftsunternehmen oder einer zukunftsorientierten Stiftung erwarten; im Bereich des staatlichen Bildungswesen werden sich die Frösche hüten, ihren eigenen Sumpf trocken zu legen.


 


Hoffen auf die Zukunft
 

Wie viele Jahrzehnte wird es noch dauern, bis die Schulverwaltungen dem Prinzip überprüfbarer Bildungsstandards gegenüber der Korrekturwillkür der klassischen Lernerfolgskontrollen den Vorzug geben (und damit Hunderte von Millionen öffentlicher Mittel sparen)?

Wie viele Jahrhunderte wird es noch dauern, bis Wirtschaftsunternehmen erkennen, dass sie ohne nennenswerte Komplikationen und mit geringem Aufwand selbst Standards setzen können, die von den Jugendlichen ernster genommen werden als jede staatlich Unterrrichtsveranstaltung? Und auf die spezifischen Bedürfnisse des Unternehmens abgestimmt sind? Und zum nachhaltigen Lernen anregen? Und Jugendlichen so schnell Rückmeldungen über kognitive Fortschritte liefert wie WoW über den Spielerfolg? Und das Wirtschaftsunternehmen sich weder durch "nih" (not invented here) noch durch "Das haben wir noch nie gemacht!"  von einer Realisierung abhalten lässt? Und die Förderung von Modulen überprüfbarer Bildungsstandards auch zur Imagepflege einsetzt?
 
 


Die Geschichte von der Erfindung des Telefons kann nicht oft genug erzählt werden: Der Deutsche Philipp Reis konnte 1860/61 ein erstes funktionsfähiges Telefon vorstellen. Die Leute hielten es für eine nutzlose Spielerei; oft wurde er ausgelacht. 1876 stellte Graham Bell ein vergleichbares Gerät auf der Weltausstellung dieses Jahres aus. Er fand erst Interesse, als sich der Kaiser von Brasilien - Dom Pedro II - den Apparat vorführen ließ und erschreckt ausrief "Mein Gott, es spricht."

Der Verfasser des oben stehenden Beitrags ist neugierig, ob er den 'Dom Pedro' noch erlebt, der auf die Chance für nachhaltiges Lernen durch überprüfbare Bildungsziele im Internet aufmerksam macht. Er (der Verfasser) ist indessen schon 78 Jahre alt. (Inzwischen ist wieder ein Jahr dazugekommen.)