3.7.08
Pannenserie bei Vergleichsarbeiten in Baden-Württemberg
- und eine mögliche Abhilfe

 
In Baden-Württemberg stehen in diesen Tagen die sogenannten Vergleichsarbeiten an. Vergleichsarbeiten sind Klassenarbeiten, die - zum Beispiel von  allen Gymnasiasten der achten Klassen - in regelmäßigen Abständen von allen Schülern am gleichen Tag geschrieben werden. 

Die Vergleichsarbeiten sind ein gewaltiger Fortschritt gegenüber dem früheren Zustand. Da gab es keine klassenübergreifende Leistungsanforderungen. Der Rückstand gegenüber einer zeitgemäßen Gestaltung von Rückmeldungen über den Lernerfolg ist freilich immer noch riesig.

In diesem Jahr hat das Kultusministerium zur Kenntnis genommen, dass  die Vergleichsarbeiten vorab bekannt geworden sind. Sogar im Internet sollen Teile der Arbeiten zum Download bereit gestanden haben. Dabei existiert das Internet als möglicher Lernort für selbstorganisiertes Lernen in den Vorstellungen des Ministeriums noch gar nicht. Die Erwartungen an den  Lernerfolg sind für die Schulbehörde kein zu hütendes Geheimnis. Oder können Sie dem Text "Die Schülerinnen und Schüler entwickeln sinntragende Vorstellungen von natürlichen, ganzen, gebrochenen und rationalen Zahlen und nutzen diese entsprechend der Verwendungsnotwendigkeit." entnehmen, was hier konkret gekonnt werden soll?

Das bisher ignorierte Geheimnis, dass man durch Vorgabe konkreter Ziele und sofortige Rückmeldungen die Lernmotivation steigern kann und selbstorganisiertes Lernen ermöglicht, will die Schulbehörde nicht aufgeben. Nach den Vorstellungen der Kultusminister ist es wichtig, eine bestimmte Lernzeit im Unterricht abzusitzen.  Beispielsweise müssen für die allgemeine Hochschulereife nicht etwa bestimmte Kenntnisse nachgewiesen werden; entscheidend ist eine Unterrichtszeit von 265 Jahreswochenstunden, das heißt, rund zehntausend Unterrichtsstunden. Das ist etwa das gleiche wie die Forderung, dass für das Eindrehen einer Schraube am Montageband 265 Sekunden aufgewendet werden müssen. Spielraum für Optimierung gibt es so keinen.

Der spätere Nobelpreisträger Max Planck (Frankierung dieses Briefs) 
hat mit 16 Abitur geschrieben!

Das folgenden ist einem Brief an Kommentatoren der ministeriellen Panne entnommen:

Für das Kultusministerium ist es unter den heutigen Bedingungen eine Katastrophe, wenn Informationen über die Prüfungsthemen vorzeitig bekannt werden?  Vielleicht ist dies ein Anlass, über überholte Strukturen im Bildungssystem nachzudenken?

Im Fach Mathematik und in der Didaktik ist es oft fruchtbar, wenn man eine eingeführte Praxis durch ihr Gegenteil ersetzt. Für Vergleichsarbeiten hieße dies, dass die – genauer: die möglichen – Aufgaben der Vergleichsarbeiten im Voraus, zum Beispiel im Internet veröffentlicht werden. Je mehr man sich mit diesem Gedanken näher auseinandersetzt, desto plausibler wird er. Desto problematischer, ungerechter und weniger effektiv erscheint die derzeitige Praxis.

Ehe ich diese These begründe, ein paar Fakten:

- Universitäten verkünden stolz, dass sie ein mathematisches Vorsemester einführen, mit dem sie eine rudimentäre Studierfähigkeit in den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern sichern wollen. Der Stoff: Elementares Rechnen, das theoretisch ab Klasse 6 vermittelt wird. BWL-Studenten scheitern oft nicht an den abstrakten Theorien ihrer Wissenschaft, sondern an einfachem Prozentrechnen. Die Schule vermittelt ihren Absolventen also die Kenntnisse und Fähigkeiten nicht hinreichend, die sie eigentlich laut Lehrplan (beziehungsweise Bildungsplan oder Bildungsstandards) erworben haben müssten. (42. Tagung der Gesellschaft für Didaktik der Mathematik 2008).

- Lehrkräfte verwenden (im Fach Mathematik) rund 20 Prozent ihrer Arbeitszeit der Planung, Durchführung und Korrektur von Klassenarbeiten – in nicht vergleichbarer, vermeidbarer Parallelarbeit von Tausenden von Lehrkräften. (Ersparnismöglichkeit allein im Fach Mathematik 200 Millionen Euro im Jahr, Chancengleichheit statt Notenwillkür als Ziel.)

- Unter klaren Lernbedingungen sind die oft als bildungsunfähig abqualifizierten Hauptschüler vielen Erwachsenen überlegen. Beispiel: Gebrauch (und Missbrauch) von Fotohandys (www.bildungsoptionen.de/handy.htm). Entsprechendes gilt für Computerspiele. Da hält die Konzentration von Hauptschülern stundenlang, wenn sie sich auf einen höheren Level in World of Warkraft hocharbeiten wollen. In der Klasse, mit dem Risiko, vor den Mitschülern bloßgestellt zu werden, sind 45 Minuten eine Ewigkeit.

- Selbsterworbene Qualifikationen werden in der Regel nicht anerkannt. Das Kultusministerium hat zum Beipsiel keine ermutigenden Kommentare abgegeben zu der Freiburger Schülergruppe, die sich in diesem Jahr, statt Klasse 13 abzusitzen, nach selbstorganisiertem Lernen die Abitursprüfung zu absolvieren
...

Es geht eigentlich um eine ganz einfache Sache, aber Sie scheint die Innovationsfähigkeit unserer Mitmenschen zu überfordern. Natürlich nur, wenn meine Überlegungen richtig sind. Worum es geht:

Die Organisation von Lernen hat sich in den staatlichen Bildungsinstitutionen seit der ersten Eisenbahnfahrt von Nürnberg nach Fürth nicht nennenswert verändert. Landauf landab werkelt eine halbe Million Lehrer in handwerklicher Einzelarbeit in klassischen Schulstunden vor sich hin. Es gibt Lehrer, bei denen jeder Tag zu einem Gewinn für ihre Schüler wird. Es gibt aber auch viele, die den jugendlichen Erfahrungsdrang und den kindlichen Lernwillen ersticken und das Entstehen einer 0-Bock-Generation fördern. 

 Einen Kommentar zu Computerspielen finden Sie unter  www.bildungsstandards.de/killer.html
die Auseinandersetzung in einem Chat des deutschen Bundestags zum Thema  unter www.mitmischen.de/wordpress/index.php/2008/05/09/abgetaucht-in-die-virtuelle-welt/#comment-1307. Hier äußert sich ganz aktuell Daecraban zum Thema 'Bildungsförderung in Deutschland' und dem Spiel World of Warkraft (WoW).

Höchste Zeit für überprüfbare Bildungsstandards entsprechend den Forderungen des Dortmunder Manifests (www.bildungsstandards.de/manifest.htm). Wer Büroprogramme wie OpenOffice als Konkurrenz zu Microsoft Office, Betriebssysteme wie Linux (Ubuntu, Kubuntu, ...) als Alternative zu Windows oder das Internetlexikon Wikipedia kennt und weiß, dass diese Programme in ehrenamtlicher Arbeit von Zehntausenden entstanden sind und weiterentwickelt werden, weiß auch, wie heute Innovation entsteht. Wer glaubt, dass 50 Wissenschaftler mit ihren Doktorandensklaven zum Ziel kommen, ist ein hoffnungsloser Optimist. 

Die Argumentation in diesem Brief ist knapp. Mit weiteren Informationen kann man sich im Site www.bildungsstandards.de auseinandersetzen. Dort findet man auch Beispiele für Lernsituationen mit Rückmeldungen, etwa

Deutsch ab Klasse 4
Konzentration und Aufmerksamkeit