Die Eintragung ins Kolloquiumsbuch für die Mathematikdidaktik in Potsdam

 

Als Zeitzeuge im Seminar

Mathematikschulbücher im Nationalsozialismus

der Universität Potsdam SS 2008


Statt der Erörterung eines Mathematikproblems oder didaktischer/methodischer Fragen, 

Erinnerungen an die Zeit vor siebzig Jahren: 

Welche Eindrücke hat der Mathematikunterricht im Hinblick auf die ganzheitliche nationalpolitische Erziehung bewirkt?

Die Antwort ist ortsgebunden; sie hängt zudem sehr stark von der jeweiligen Schule und den jeweiligen Lehrkräften ab.

Natürlich ist in den Schulbüchern der NS-Staat präsent durch Aufgaben zum Winterhilfswerk, der Urlaubsorganisation „Kraft durch Freude“, den Vierjahresplänen und Erzeugungsschlachten und der vormilitärischen Erziehung. In vielen Mathematikbüchern stehen auch Aufgaben, die Meinungsbildung gegen Juden und gegen geistig Behinderte zum Zweck haben: 

Zum Beispiel  im Mathematischen Arbeitsbuch von Otto Zoll, 1. und 2. Klasse, 2. Auflage 1941, S. 29, A 34: "Der jährliche Zuschuß beträgt für ein gesundes Schulkind 90 RM, ... für ein erbkrankes Kind 1 500 RM, ... Welcher Betrag muß in acht Schuljahren für jedes Kind aufgebracht werden?"; oder ebenda S. 46, A 18 "... Es ist daher eine heilige Pflicht der Schule, in der Jugend den Sinn für den Wert der Rasse zu wecken. ...")

Bei einer Umfrage unter zwei Dutzend Altersgenossen erinnerte sich mit einer Ausnahme keiner daran, dass solche Aufgaben im Unterrricht behandelt worden wären. Im Gegenteil, die Klassenkameraden des Vortragenden erinnern sich zuverlässig, dass derartige Aufgaben weggelassen wurden. Die Ausnahme ist ein Studienkollege, der seine Schulzeit vor der Vertreibung aus dem Sudetenland dort verbracht hatte. Auch er ist der Überzeugung, dass die besonders kritischen Aufgaben zur "Volksgesundheit" und zur NS-Rassenlehre nicht behandelt worden sind. Diese Stichprobe schließt natürlich nicht aus, dass an anderen Schulen in aus heutiger Sicht zu verdammender Manipulation Mathematikunterricht gehalten wurde.

Eine Kurzfassung des Berichts, gegebenenfalls mit einem kurzen Protokoll der Diskussion, findet man unter 
                                                                 als .ODP (OpenOffice Impress)
                                                                 als .PDF  (ohne Seitenlayout)
                                                                 als .PPT  (MS Powerpoint) 
 

28.5.08 Fritz Nestle