| Fritz Nestle, Ulm
Mathe (lernen) und WoW (spielen) Beitrag zu Casio Teach&Talk 2008 (21.12.08) World of Warcraft Vergleich Mathematik und WoW Folgerungen Ausblick Wer die Aufmerksamkeit von Kindern und Jugendlichen für Mathematik gewinnen will, hatte schon immer Konkurrenz bei diesem Vorhaben. Andere Schulfächer, Sport, Musik und vielerlei weitere Möglichkeiten der Freizeitgestaltung wetteifern um die Zeit der Lernenden. Seit rund vier Jahren gehört das Computerspiel World of Warcraft
(WoW) zu den zeitfressenden Alternativen zum Mathematiklernen. Wenn man
die Zahl der Fundstellen bei Google als Maß für die Resonanz
eines Themas akzeptiert, ist das Ergebnis frappierend. Die mehr als 2 000
Jahre alte Mathematikkultur gerät ins Hintertreffen gegenüber
einem einzigen Repräsentanten der Computerspiele. Eine einfache Gegenüberstellung
zeigt das:
Google lieferte am 7.11.2008 Fundstellen für Mathe und WoW'Mathematik' 15 200 000 'WoW' 310 000 000 (darunter auch Fundstellen, die nicht „World
Um einen oberflächlichen Eindruck von World of Warcraft zu erhalten, muss man nicht selbst spielen. Es geht um Abenteuer im Land Azeroth. Die Grafik in Azeroth erinnert an die Herr-der Ringe-Filme. Jeder Spieler konstruiert sich seinen Traumtyp (seinen Avatar). Er kann dabei aus einer Reihe von Berufen (Jäger, Magier, Paladin, ...) auswählen. Ziel ist es, seinem Avatar in Azeroth einen hohen Rang zu verschaffen. Der Rang drückt sich aus im erreichten „Level“, in der Ausstattung und den vom Avatar erworbenen Talenten. Der Spieler erhöht seinen Rang, indem er Aufgaben („quests“) erfolgreich bearbeitet, zum Beispiel „Töte 10 Daggerspine Raiders!“, „Sammle 8 Lauerwurzeltanken“, ... . Zu jeder Aufgabe gehört eine Beschreibung des Auftrags wie in den obigen Beispielen, die für die erfolgreiche Bearbeitung erreichbare Belohnung, Anmerkungen zu den Voraussetzungen, die vor der Inangriffnahme der Aufgabe erfüllt sein sollten, Hinweise zum Vorgehen, die Möglichkeit, die Aufgabe zu bewerten oder zu kommentieren. (Beispiele in den Folien zum Vortrag) Manche Aufgaben können nur gemeinsam von mehreren Spielern bewältigt werden. Deshalb schließen sich die Spieler in Gilden zusammen. Die Gilden haben eigene Treffpunkte im Netz. Google findet zu 'wow gilden' 841 000 Beiträge im Netz. Allein die Regeln, die für Gilden gelten, füllen vier Bildschirmseiten (http://www.wow-europe.com/de/info/basics/guilds.html?rhtml=y). Es gibt einen eigenen Treffpunkt für die deutschen WoW-Gilden (http://www.wow-gilden.de ); es gibt bezahlte Anzeigen von Gilden bei Google. Die Hierarchie innerhalb einer Gilde wird weitgehend durch den WoW-Rang bestimmt. World of Warcraft ist, wie die Zahl der Fundstellen bei Google erkennen
lässt, innerhalb von vier Jahren zu einem so umfassenden virtuellen
Kosmos herangewachsen, dass eine Beschreibung auf einer Seite notgedrungen
unvollständig sein muss. Die Vielfalt der Definitionen und Regeln
macht das Spielen von WoW vergleichbar mit dem Lernen von Mathematik, zumal
beim Individuum die beiden Tätigkeiten unmittelbar miteinander konkurrieren.
Einige Äußerungen aus
Bei Wikipedia finden wir zum Thema Mathematikdidaktik „ Mathematik ist darum prinzipiell das einfachste Fach an unseren Schulen. Diese schlichte Einsicht wird jedoch durch den Dünkel vieler Mathematiker verstellt, so dass das Fach Mathematik ungerechtfertigterweise traditionell als besonders schwierig angesehen wird, wodurch der Mathematikunterricht in überwiegendem Maße zur Schwächung des Selbstbewusstseins der Schüler beiträgt.“ Dagegen stärkt das Spielen von WoW allein oder in der Gilde das Selbstbewußtsein so vieler Spieler, dass sie sich freiwillig so verhalten, wie wir uns das für das Lernen von Mathematik in der Schule wünschen würden. Ein Vergleich zwischen den beiden Tätigkeiten:
Während im Computerspiel großer Raum für Freiwilligkeit und Selbstorganisation eingeräumt wird, lässt die Organisation des Mathematiklernens vielfach Anklänge an obrigkeitsstaatliches Denken durchschimmern. Wenn wir aus dem Erfolg von World of Warcraft lernen wollen, so müssen wir den Lernenden Gestaltungsfreiräume schaffen bezüglich - der Wahl der Lernzeit - der Wahl der Ziele (Mathe, Wirtschaft, ..., Glück (Schulfach in Baden-Württemberg?), ...) - dem freien Zugang zu überprüfbaren, zertifizierbaren Lernzielenx) - der Autonomie beim Lernen - der Gleichstellung autonomen Lernens mit Lernen in der Schule xx) - dem Kontakt zu anderen, die am gleichen Thema arbeiten - geeigneten Hilfsangeboten bei Lernschwierigkeiten x) Interessante Beispiele: www.realtmath.de
(Andreas Meier); Anforderungen an überprüfbare
xx) Theoretisch ist diese Gleichstellung heute
schon gegeben. In der Praxis sieht es immer noch so aus, dass die mündlichen
Prüfungen mit unbekannten Lehrkräften im Freiburger Projekt „Methodos“
als „fies“ bezeichnet wurden. Google bietet am 13.12.2008 zu 'freiburg
abitur extern' 13 500 Fundstellen. Die Homepage des Projekts steht unter
der Adresse
Schulisches Lernen wird immer noch wie im 19. Jahrhundert mit Hilfe handwerklicher Einzelarbeit der Lehrkräfte organisiert. Nachhaltigkeit wird dabei nicht im wünschenswerten Ausmaß erreicht. In Landwirtschaft, industrieller Produktion, Informationsverarbeitung ist der „Wirkungsgrad“ zwischenzeitlich auf das 103-fache bis 109-fache gestiegen, im Bereich der schulischen Lernorganisation hat er sich auf ein Viertel verringert. Es ist eine spannende Frage, wie lange sich unsere Gesellschaft die augenblicklich Lernorganisation noch leisten will (und kann). Anregungen zur Auseinandersetzung mit dieser Frage finden Sie unter www.bildungsstandards.de . |