Stand 18.12.2008

 
Fritz Nestle, Ulm
 
 

Mathe (lernen) und WoW (spielen)

Beitrag zu Casio Teach&Talk 2008 (21.12.08)

Hinführung
World of Warcraft
Vergleich Mathematik und WoW
Folgerungen
Ausblick

Hinführung

Wer die Aufmerksamkeit von Kindern und Jugendlichen für Mathematik gewinnen will, hatte schon immer Konkurrenz bei diesem Vorhaben. Andere Schulfächer, Sport, Musik und vielerlei weitere Möglichkeiten der Freizeitgestaltung wetteifern um die Zeit der Lernenden.

Seit rund vier Jahren gehört das Computerspiel World of Warcraft (WoW) zu den zeitfressenden Alternativen zum Mathematiklernen. Wenn man die Zahl der Fundstellen bei Google als Maß für die Resonanz eines Themas akzeptiert, ist das Ergebnis frappierend. Die mehr als 2 000 Jahre alte Mathematikkultur gerät ins Hintertreffen gegenüber einem einzigen Repräsentanten der Computerspiele. Eine einfache Gegenüberstellung zeigt das:
 

Google lieferte am 7.11.2008

Fundstellen für  Mathe

  'Mathematik'                        15 200 000
  'Mathe'                                  5 800 000
  'mathematics'                        76 500 000
  'mathe lernen'                              38 200
  'mathematik lernen'                      19 100
und WoW
  'WoW'                               310 000 000   (darunter auch Fundstellen, die nicht „World 
                                                                      of Warcraft“ betreffen)
  'World of Warcraft'              54 100 000
  'WoW spielen'                             52 900
  'World of Warcraft spielen           10 700


Beim Vergleich dieser Zahlen muss man sich vor Augen halten, dass man um WoW zu spielen nicht nur einmalig das Programm kaufen muss. Zusätzlich kostet es 13 € im Monat (156 € pro Jahr), den Account aktiv zu halten. Wer schneller einen hohen Rang erreichen möchte, kann mit zusätzlichem Aufwand an realem Geld seine virtuelle Ausstattung verbessern (Chinafarming). Dadurch spart man reale Zeit, denn für erfolgreiches Spielen muss man 20 bis 50 Stunden pro Woche einsetzen.

World of Warcraft

Um einen oberflächlichen Eindruck von World of Warcraft zu erhalten, muss man nicht selbst spielen. Es geht um Abenteuer im Land Azeroth. Die Grafik in Azeroth erinnert an die Herr-der Ringe-Filme. Jeder Spieler konstruiert sich seinen Traumtyp (seinen Avatar). Er kann dabei aus einer Reihe von Berufen (Jäger, Magier, Paladin, ...) auswählen. Ziel ist es, seinem Avatar in Azeroth einen hohen Rang zu verschaffen. Der Rang drückt sich aus im erreichten „Level“, in der Ausstattung und den vom Avatar erworbenen Talenten.

Der Spieler erhöht seinen Rang, indem er Aufgaben („quests“) erfolgreich bearbeitet, zum Beispiel „Töte 10 Daggerspine Raiders!“, „Sammle 8 Lauerwurzeltanken“, ... .  Zu jeder Aufgabe gehört eine Beschreibung des Auftrags wie in den obigen Beispielen, die für die erfolgreiche Bearbeitung erreichbare Belohnung, Anmerkungen zu den Voraussetzungen, die vor der Inangriffnahme der Aufgabe erfüllt sein sollten, Hinweise zum Vorgehen, die Möglichkeit, die Aufgabe zu bewerten oder zu kommentieren. (Beispiele in den Folien zum Vortrag)

Manche Aufgaben können nur gemeinsam von mehreren Spielern bewältigt werden. Deshalb schließen sich die Spieler in Gilden zusammen. Die Gilden haben eigene Treffpunkte im Netz. Google findet zu 'wow gilden' 841 000 Beiträge im Netz. Allein die Regeln, die für Gilden gelten, füllen vier Bildschirmseiten (http://www.wow-europe.com/de/info/basics/guilds.html?rhtml=y). Es gibt einen eigenen Treffpunkt für die deutschen WoW-Gilden (http://www.wow-gilden.de ); es gibt bezahlte Anzeigen von Gilden bei Google. Die Hierarchie innerhalb einer Gilde wird weitgehend durch den WoW-Rang bestimmt.

World of Warcraft ist, wie die Zahl der Fundstellen bei Google erkennen lässt, innerhalb von vier Jahren zu einem so umfassenden virtuellen Kosmos herangewachsen, dass eine Beschreibung auf einer Seite notgedrungen unvollständig sein muss. Die Vielfalt der Definitionen und Regeln macht das Spielen von WoW vergleichbar mit dem Lernen von Mathematik, zumal beim Individuum die beiden Tätigkeiten unmittelbar miteinander konkurrieren. Einige Äußerungen aus 
http://forum.worldofplayers.de/forum/archive/index.php?t-156933.html:
„... muss ich jetzt wo ich bald Fach-Abi schreibe etwas mehr für die Schule machen als sonst. ...“
„Ich wollte mich nur bis Freitag abmelden, da ich eine Mathearbeit schreibe und, gegen meinen Ursprung diesmal auch für Mathematik lernen muss.“, „Wegen eines Vorabi in Geschichte, sie belegt den Leistungskurs, muss die süße Myra für eine Woche dem RPG fern bleiben“, ... - In den Gilden entschuldigen sich die WoW-Spieler, wenn sie bei einer Aktion nicht mitmachen können.

Vergleich Mathematik und WoW

Bei Wikipedia finden wir zum Thema Mathematikdidaktik 

„  Mathematik ist darum prinzipiell das einfachste Fach an unseren Schulen.

Diese schlichte Einsicht wird jedoch durch den Dünkel vieler Mathematiker verstellt, so dass das Fach Mathematik ungerechtfertigterweise traditionell als besonders schwierig angesehen wird, wodurch der Mathematikunterricht in überwiegendem Maße zur Schwächung des Selbstbewusstseins  der Schüler  beiträgt.“

Dagegen stärkt das Spielen von WoW allein oder in der Gilde das Selbstbewußtsein so vieler Spieler, dass sie sich freiwillig so verhalten, wie wir uns das für das Lernen von Mathematik in der Schule wünschen würden.

Ein Vergleich zwischen den beiden Tätigkeiten:
 
 

 Mathematikunterricht 

geringer Begriffsumfang

viele Regeln

Inhalt vorgegeben

organisiert in Schulklassen

nüchtern

wenig intrinsische Motivation

unklare, subjektive Belohnungen

Aufgaben manchmal unklar

Ziele in „heimlichem Lehrplan“

Rückmeldungen diffus

Bewertung lehrkraftabhängig

feste Lernzeiten

WoW

mittlerer Begriffsumfang

mittlerer Regelvorrat

Inhalt beeinflussbar

spielergesteuert in freiwilligen Gruppen (Ligen)

Figuren aus einer Fantasiewelt

Motivation durch Freiheit und Vielfalt

sofortige, klare Belohnung

Aufgaben (meistens) eindeutig

Ziele transparent

sofortige klare Rückmeldungen

Bewertung weltweit gleich

freie Wahl der "Lern"-Zeit

Während im Computerspiel großer Raum für Freiwilligkeit und Selbstorganisation eingeräumt wird, lässt die Organisation des Mathematiklernens vielfach Anklänge an obrigkeitsstaatliches Denken durchschimmern. 

Folgerungen

Wenn wir aus dem Erfolg von World of Warcraft lernen wollen, so müssen wir den Lernenden Gestaltungsfreiräume schaffen bezüglich

 - der Wahl der Lernzeit

 - der Wahl der Ziele (Mathe, Wirtschaft, ..., Glück (Schulfach in Baden-Württemberg?), ...)

 - dem freien Zugang zu überprüfbaren, zertifizierbaren Lernzielenx)

 - der Autonomie beim Lernen

 - der Gleichstellung autonomen Lernens mit Lernen in der Schule xx)

 - dem Kontakt zu anderen, die am gleichen Thema arbeiten

 - geeigneten Hilfsangeboten bei Lernschwierigkeiten

x) Interessante Beispiele: www.realtmath.de (Andreas Meier); Anforderungen an überprüfbare 
     Lernziele:  www.bildungsstandards.de/manifest.htm

xx) Theoretisch ist diese Gleichstellung heute schon gegeben. In der Praxis sieht es immer noch so aus, dass die mündlichen Prüfungen mit unbekannten Lehrkräften im Freiburger Projekt „Methodos“ als „fies“ bezeichnet wurden. Google bietet am 13.12.2008 zu 'freiburg abitur extern' 13 500 Fundstellen. Die Homepage des Projekts steht unter der Adresse
www.methodos-freiburg.de/ .

Ausblick

Schulisches Lernen wird immer noch wie im 19. Jahrhundert mit Hilfe handwerklicher Einzelarbeit der Lehrkräfte organisiert. Nachhaltigkeit wird dabei nicht im wünschenswerten Ausmaß erreicht. 

In Landwirtschaft, industrieller Produktion, Informationsverarbeitung ist der „Wirkungsgrad“ zwischenzeitlich auf das 103-fache bis 109-fache gestiegen, im Bereich der schulischen Lernorganisation hat er sich auf ein Viertel verringert.

Es ist eine spannende Frage, wie lange sich unsere Gesellschaft die augenblicklich Lernorganisation noch leisten will (und kann). Anregungen zur Auseinandersetzung mit dieser Frage finden Sie unter www.bildungsstandards.de .