11.7.08
 

Einwanderungstest und Dortmunder Manifest

Im Bildungswesen der Sekundarstufen I und II verharrt Deutschland fast vollständig im 19. Jahrhundert. Zwar gibt es viele Alibimaßnahmen, aber die für eine effektive Lernorganisation notwendigen Aktionen werden von den Schulverwaltungen noch gar nicht angestrebt. ("... Diese Bildungsstandards richten sich ... nicht an Schülerinnen und Schüler, sondern sie dienen den Lehrkräften als Leitlinie für ihr unterrichtliches Handeln ..."; aus dem Schreiben 32-6500.O-E/08 Nestle/1 des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport  Baden-Württemberg vom 3.7.08)

In Minischritten nähern sich andere deutsche Behörden Deutschlands in Bezug auf Lernen und Lernerfolgskontrolle dem 21. Jahrhundert. Schon die zweite Behörde hat das Internet für e-testing entdeckt.

Schon seit einigen Monaten kann man die Führerscheinprüfung online ablegen. Jetzt können auch die Fragen für den Einbürgerungstest online in verschiedenen Fassungen bearbeitet werden. Wie nützlich dies für erfolgreiches Lernen ist, kann man auf diese Weise beobachten. Vielleicht kann man auch bald eine zertifizierbare Einbürgerungsprüfung bald online ablegen.

Speziell die online bearbeitbaren Fassungen des Einbürgerungstests erfüllen schon einen Teil der Forderungen des Dortmunder Manifests: Ein hinreichend großer Aufgabenpool, aus dem zufällig 33 Fragen - aus 300 - ausgewählt werden. Außerhalb der Schule wird e-testing also schon populär.

Hier zwei Quellen für eine online-Bearbeitung des Einbürgerungstests:

www.WELT.de/einbuergerungstest (Die WELT. Bei einer Testbearbeitung am 11.7.08 fehlte ein Abschluss nach 33 Antworten und eine Rückmeldung über das Ergebnis. Außerdem war die unvermeidliche Werbung so auf dem Schirm, dass sie die Bearbeitung gestört hat.)

http://www.focus.de/politik/deutschland/einbuergerungstest/33-fragen-einbuergerungstest-teil-4_aid_317172.html  (FOCUS. FOCUS benützt einige vorher fest getroffenen Auswahlen und liefert die Rückeldung, dass der Einbürgerungstest bestanden wurde.)

Google liefert am 11.7.08 zu "einbürgerungstest" 156 000 weitere Fundstellen.

Aus Wikipedia (Stand 11.7.08) erfahren wir "...Der Test wurde an der Humboldt-Universität zu Berlin im Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen entwickelt und am 8. Juli 2008 der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Test ist mit 25 Euro Gebühren belegt und kann beliebig oft wiederholt werden. Zusätzlich können die Bundesländer Einbürgerungsgespräche führen. ..."  (Ist diese Gebühr nicht bereits eine Geldschneiderei?)

Wenn dieWikipediaauskunft korrekt ist, verwundert, dass im Site des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) mit normalem Aufwand am 11.7.08 nichts über diese Auftragsarbeit zu finden ist.  Insbesondere findet man nichts über die Unterstützung der Vorbereitung auf den Test durch online-Bearbeitungen. Das gilt übrigens entsprechend auch für die Arbeit an den Bildungsstandards für das allgemeinbildende Schulwesen. Wer den Kampf um die Gewinnung der Motivation der Jugendlichen gegen die Computerspiele gewinnen will, muss online ein Aufgabenkonzept mit sofortiger Rückmeldung und unmittelbarem Zugang anbieten. (Siehe dazu den aktuellen Bundestagsblog unter 'mitmischen',  insbesondere die Diskussion zwischen Daecraban und fritz, die beiden Diskutanten diskutieren Aspekte einer unserem Jahrhundert angemessene Form der Lernorganisation von extrem unterschiedlichen Erfahrungsbereichen aus.)

Der Test des IQB verletzt eine Reihe von Kriterien für gute Testitems. Man war sich zum Beispiel schon vor 40 Jahren darüber einig, dass man in Items für Menschen mit Distanz zur allgemeinen Bildung Fragen des Typs "Welcher der folgenden vier Begriffe passt nicht zu den drei anderen?" unbedingt vermeiden sollte.
Außerdem stammen Auswahlantwortaufgaben des Typs 1 aus 4 der Zeit der Markierungsbögen; sie verleiten zu Ratestrategien. Das konnte man auch in einer Sendung des SWR am 13.7.08 bestätigen. Ein Reporter hat Bürgern Stuttgarts die Fragen vorgelegt. Solche Items des Typs 1 aus 5 sind Wasser auf die Mühle derer, die "teaching to the test" verdammen, und damit zielerreichendes Lernen ('mastery learning') diskreditieren. (Nur unser Bildungswesen ist so pervers, dass man das Lehren dessen, was nachher geprüft werden soll und als überprüfbares Bildungsziel formuliert werden kann, verunglimpft. Kleidungs- und Autofabrikanten bemühen sich dagegen, Ihre Produkte so attraktiv für die Kunden zu machen, dass letztere sich aktiv um den Kauf kümmern.) Stand der Technik wären Items des Typs x aus 5, das heißt, eine dem Probanden unbekannte Zahl von 5 Antworten sind richtig. Auch sprachlich lassen die 300 Items Wünsche offen.

Die Quelle für die online-Fassung des Einbürgerungstests wurde nicht gefunden. Die verschiedenen Anbieter scheinen auf eine gemeinsame Basis zurückzugreifen. Würde man den Erfolg der online-Bearbeitung noch mit eine Score-Rückmeldung (am besten mit Tages-, Wochen- und Monatsscoreliste) abschließen, dann würde man dieses bei Computerspielen zur Motivation beitragende menschliche Bedürfnis auch für die Beschäftigung mit dem vom IQB ausgewählten politischen Grundwissen nutzen. (Es ließe sich noch steigern, wenn die Tages-, Wochen- und Monatssieger mit einer Prämie belohnt würden und sei es nur ein gedrucktes Grundgesetz. Der Scorewert ist eine moderne Form des "Fleißbildchens" oder des "grünen Strichs". Früher gab es das in der Schule fast überall, heute nur noch in seltenen Fällen.)

Es ist hoffentlich nur eine Frage der Zeit, bis auch von Wirtschaftsunternehmen Wissensmodule wie das vom IQB zusammengestellte politische Wissen im Internet zu vielen anderen Themen verfügbar gemacht werden. Ein Land, das von den kognitiven Qualitäten seiner Bürger leben muss, weil seine natürlichen Ressourcen nur ein sehr kärgliches Dasein gewährleisten könnten, sollte die 12 oder 13 Schuljahre, die von vielen lethargisch vergammelt werden, wenigstens mit solchen außerschulischen Themen anreichern. Das Sprichwort sagt "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr." Das Sprichwort ist nicht ganz richtig, denn zum Beispiel lernen die meisten BWL-Studierenden während ihres Studiums die Prozentrechnung, die die Schule ihnen nicht vermittelt hat.