Stand 10.11.2007
Es ist keine häufige Konstellation, dass eine Klasse zur Fünfzig-Jahr-Feier ihres Abiturs den Mathematiklehrer, der sie durchs Abitur geführt hat, dazu einladen kann, eine Mathematikstunde zu halten. Am 3.11.2007 fand eine solche Stunde statt - mit Arbeitsblatt, wie sich das heutzutage gehört:
 
50 Jahre Abitur - eine goldene Mathematikstunde

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Übersicht


 
 
1957

 

 
50 Jahre Abitur - eine goldene Mathematikstunde
2007
50 Jahre Abitur - eine goldene Mathematikstunde
2007
Übersicht

 Hinführung
  Fragen 1 und 2

 Erinnerung: Warum verwenden wir Prozentangaben?
  Fragen 3 und 4

 Veränderungen von Prozentsätzen
  Fragen 5 und 6

 Um und auf
  Fragen 7 und 8

 Exkurs: Prozentrechnung entscheidet eine Wahl 1
  - oder auch nicht: Die Problematik der Mehrheitswahl

 Immer noch Exkurs: Prozentrechnung entscheidet eine Wahl 2
  -  weil zu wenige Deutsche die Prozentrechnung kennen!

 Eine Tücke der Prozentrechnung - Reihenfolgen
  Fragen 9 und 10

 7 Erdkugeln aus Gold,  Inflation,  Tabellenkalkulation 

Fazit

2007

 
50 Jahre Abitur - eine goldene Mathematikstunde
Hinführung

Mühsam schleppe ich mich nach einem anstrengenden Vormittag nach Hause. 

Ein schicker Ferrari hält neben mir; der Fahrer ruft „Hallo Herr Neschdle, des frait me abr, daß i Se widr amol säh.“ 

Keine Ahnung, wer dieser Mensch sein könnte! 

„Kennedse mi nemme? I ben dr Max. 5 Johr lang handse mir Madde beibrochd. Jedzd kauf i Kischda fr 2 Eiro ond verkauf se widr fr 4 Eiro. Von dene 2 Brozend Onderschied ka i ganz guad läba.“

Die Schüler müssen über Lehrer hinauswachsen. Und der Mathematikunterricht ist dafür nicht immer wichtig. 


 
50 Jahre Abitur - eine goldene Mathematikstunde

Frage 1

Wie heißt das Fachwort für “Onderschied” (die 2 „Brozend“ von Max)?

Antworten
12 mal "Differenz"
  1 mal "Unterschied"
  1 mal "Quotient"
  1 mal "Gewinn"

Frage 2: 

Wie viel Prozent Aufschlag auf den Einkaufspreis verlangt Max wirklich?

Antworten
14 mal "100 %"
  2 mal "200 %"
  1 mal   "50 %"


 
50 Jahre Abitur - eine goldene Mathematikstunde

Info

1 500 512 Bewohner ausländischer Herkunft hatten per Ende April 2006 ihren ständigen Wohnsitz in der Schweiz, wie das Bundesamt für Migration (BFM) mitteilte.
2005 hatte die Schweiz 7 459 100 Einwohner.

Von den 82 438 000 Einwohnern Deutschlands 2006 waren 15,3 Millionen ausländischer Herkunft (FAZ, 24.10.07).

50 Jahre Abitur - eine goldene Mathematikstunde

Frage 3 (Siehe Info)

In welchem der beiden Länder gab es in absoluten Zahlen 2006 mehr Einwohner ausländischer Herkunft?

Antworten
10 mal "Deutschland"
  4 mal "Schweiz"
  1 mal "20 % (Schweiz)"
  1 mal "fast gleich"

Frage 4 (Siehe Info)

In welchem der beiden Länder gab es relativ (bezogen auf die gesamte Einwohnerzahl) 2006 mehr Einwohner ausländischer Herkunft?

Antworten (Hinweis: 1 500 512:7 459 100 = 0,201...; 15 300 000:82 438 000 = 0,185...)
10 mal "Schweiz"
  2 mal "Deutschland"

 

50 Jahre Abitur - eine goldene Mathematikstunde

 

Prozentangaben

 – zum Beispiel „auf 100 Einwohner“ - 

schaffen relative Vergleichsmöglichkeiten!


 
50 Jahre Abitur - eine goldene Mathematikstunde

Veränderte Prozentsätze:

Vor 50 Jahren hatten Sie im Schnitt 25 % Jahre weniger auf dem Buckel als ich. Heute sind es rund 12 % Jahre weniger.
 

Frage 5

Kann man auf Grund dieser Angaben mein heutiges Alter ausrechnen?
(Hinweis: Aufgabe wurde als "schwierig" angekündigt; Lösungsansatz xS = 0,75 xL ; xS +50 = 0,88*(xL + 50) )

Antworten
6 mal "ja"
3 mal "nein"
1 mal "x - 50 = 25; x + 50 = 12; ?"

Frage 6 (zu Frage 5)

 Wenn ja; wie alt bin ich heute?

Antworten (Antworten zum Teil nicht berechnet)
2 mal "77"
2 mal "78"
1 mal "76"
1 mal "78"
1 mal "75 bis 78"
1 mal "89"
1 mal "76/77 je nach Ausgangsalter unserer Klasse"
1 mal "Basisjahr"

 Wenn nein; welche Angabe fehlt noch ? 

Antworten
1 mal "Bezugsalter von uns fehlt"
1 mal "Alter von damals"

 

50 Jahre Abitur - eine goldene Mathematikstunde

Wenn Journalisten bei Zahlenvergleichen „um“ und „auf“ verwechseln, sind die Folgen meistens nicht tragisch. 

Anders bei Ingenieuren. Dann stürzt schon einmal eine Brücke ein oder eine teure Raumsonde geht verloren (MARS CLIMATE ORBITER bei einem noch primitiveren Fehler). Verwenden Sie „um“ und „auf“ immer richtig?

Frage 7
Ein Kapital von von 5 000 € wächst bei 5 % Verzinsung in 22 Jahren um rund 200 %. Wie groß ist das Kapital nach 22 Jahren?

Antworten
13 mal 15 000 €
  1 mal 10 500 €
  1 mal 10 000 €
  1 mal 15 250 €
  1 mal 25 000 €

Frage 8
Ein Kapital von von 5 000 € wächst bei 4 % Verzinsung in 17 Jahren auf  rund 200 %. Wie groß ist das Kapital nach 17 Jahren?

Antworten
12 mal 10 000 €
  1 mal   1 000 €
  1 mal 20 000 €
 


 
50 Jahre Abitur - eine goldene Mathematikstunde

Wahlen; Exkurs 1

In einem Land gibt es 2 etwa gleich starke Parteien. Es gilt Mehrheitswahl.

Partei 1 gewinnt in 

 80 von 100 Wahlkreisen mit je rund 55 % der abgegebenen Stimmen  einen Sitz im Parlament.

Partei 2 gewinnt in 

 20 Wahlkreisen mit je rund 70 % der abgegebenen Stimmen 

den Wahlkreis.

Insgesamt erhalten also beide Parteien je ca. 50 % der Stimmen. 

Trotzdem erhält 

 Partei 1:  80 Sitze, 
 Partei 2:  20 Sitze.

Früher: Divide et impera; Heute Wahlmanipulation mit Gerrymandering

50 Jahre Abitur - eine goldene Mathematikstunde

Wahlen; Exkurs 2:

Beim Wahlkampf zur letzten Bundestagswahl präsentierte eine Partei einen Professor aus Heidelberg(Professor ist seither für manche Leute ein Schimpfwort). Der wollte das Steuersystem so vereinfachen, daß jeder Steuerpflichtige pauschal 15 % seines Jahreseinkommens an Steuer entrichten muß und dafür alle Vergünstigungen wegfallen.

Das war Wasser auf die Mühlen einer anderen Partei. Sie fragte nach der Gerechtigkeit, wenn der Chefarzt „gleich viel“ Steuern bezahlen müsse wie die Krankenschwester (nämlich die 15 %). Das war offenbar die klügere Partei, denn wunschgemäß empörten sich alle darüber, daß Chefarzt und Krankenschwester gleich viel Steuern bezahlen müssen.

Mir ist kein Medienbeitrag dazu bekannt geworden, daß dann in Wirklichkeit 

 der Chefarzt rund 300 000 € bezahlen müßte, dagegen
 die Krankenschwester 2 400 € - weniger als vorher und heute und nicht gleich viel wie 
 der Chefarzt.

50 Jahre Abitur - eine goldene Mathematikstunde

Reihenfolgen

Börsenkurse reagieren häufig auf Gerüchte. 

Betont man, daß wegen eines Sturms im Golf von Mexiko die Ölförderung pro Tag um 600 000 Barrel gekürzt werden muß, können die Kurse der Fotovoltaik-Unternehmen kurzfristig um 10 % steigen. 

Das Gerücht, daß die Siliziumversorgung der Fotovoltaik-Unternehmen nicht gesichert ist, kann deren Kurse um 10 % fallen lassen.

Frage 9
Heben die beiden Veränderungen (10 % mehr; 10 % weniger) einander auf?

Antworten
12 mal "nein"
  3 mal "ja"

Frage 10 
Hat die Reihenfolge der Veränderungen (erst steigen dann fallen oder umgekehrt) einen Einfluss?

Antworten
15 mal "ja"
  2 mal "nein"

50 Jahre Abitur - eine goldene Mathematikstunde

Lehrer rechnen gern folgendes vor:

Für 1 Ct, zu Beginn unserer Zeitrechnung im Jahr 0 (Christi Geburt) auf Zinseszins zu 4 % angelegt, könnte man heute 7 Erdkugeln aus Gold kaufen.

Damit haben Lehrer in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, meistens vergeblich, versucht, neben dem anschaulicheren linearen Wachstum eine Vorstellung von geometrischem Wachstum zu erzeugen. Heutigen Kindern könnte man damit unter Umständen ein „cool“ entlocken.

Zinseszins als Beispiel für exponentielles Wachstum

Download Schachbrett als .ODS (open-office) und konvertiert in .XLS (excel)
 (Bitte füllen Sie die Formeln aus oder blättern Sie in den Bereich U bis AA)


 
50 Jahre Abitur - eine goldene Mathematikstunde

Fibonacci: 

Finanzheuschrecken, Kaninchen – und Menschen?
 
 
 

 Ein weiteres Beispiel für exponentielles Wachstum in einem Blatt für 

Tabellenkalkulation

Download Bevölkerungswachstum von Brasilien (Der Verfasser war dort von 1957 bis 1960 tätig) als .ODS (open-office) und konvertiert in .XLS (excel)
Anleitung: Tragen Sie in a3 die Zahl 1958 ein, in g4 die 50. Wurzel von 5,37 als durchschnittliche Wachstumsrate 1957/2007 ein. Interessant ist die Extrapolation auf 217 oder 227 durch Fortsetzung der Reihen.

50 Jahre Abitur - eine goldene Mathematikstunde

FAZIT

Nur bei einer verschwindenden Minderheit schafft es die Schule, Grundvorstellungen über mathematische Begriffe zu vermitteln.

Und es gibt Didaktiker, die sich nach jahrzehntelanger Tätigkeit in der Ausbildung von Mathematiklehrkräften über fehlende Grundlagen wundern:

fra

Würde die Schule ergebnisgesteuert statt zeitgesteuert arbeiten, so hätte "das Mädchen" schon früher lernen (oder man hätte es gezielt fördern) müssen. Derzeit werden fast alle Lernenden im Geleitzug mitgeschleppt und verderben den Schnelleren den angemessenen Lernfortschritt. 

50 Jahre Abitur - eine goldene Mathematikstunde

19572007

Vielen Dank fürs Zuhören und Mitmachen

Wer sich mit der Frage „Lernen“ näher beschäftigen will:

www.bildungsstandards.de