Denkanstöße
| Seit PISA ist öffentlich,
daß die Schule Bildungslücken bei den Lernenden
entstehen lässt. Insider wussten das schon vorher.
Drei Beispiele sollen auf die Folgen hinweisen (Siehe Verknüpfung). Die ersten vierzehn Tage im neuen Jahr haben so begonnen wie das alte Jahr geendet hat: Es wird
zu viel über Schule geredet und zu wenig über Lernen.
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Die ersten vierzehn Tage im neuen Jahr haben so begonnen wie das alte Jahr geendet hat. Es wird viel über Schule geredet und wenig über Lernen:
Weil
die Schule im 19. Jahrhundert stehen geblieben ist.
| Moderne Informationsverarbeitung wird
noch nicht angemessen benützt.
Vielleicht ist der Gedanke, Lernen anders
als vor zweihundert Jahren zu organisieren, für viele Menschen zu
schwierig. Dazu ein Beispiel: Die heutige Weltfirma IBM brauchte rund dreißig
Jahre, bis sie erkannte, daß ihre Zählmaschinen (Hollerith)
nicht nur zählen sondern auch rechnen können. Dabei geht es nur
um eine einfache Entdeckung, die man auch logisch hätte entwickeln
können.
In einem mir gut bekannten, kleinen Dorf
gab es vor 50 Jahren 28 Bauern. Heute gibt es dort nur noch 2, aber diese
2 erwirtschaften nach Menge, Ertrag und Qualität wesentlich mehr als
die 28 früher.
Wie groß der Nachholbedarf in der
Bildungsorganisation ist, zeigt die folgende Gegenüberstellung:
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Weil
das Denken über die Schule im 19. Jahrhundert stehen geblieben ist
(oder im 18. Jahrhundert bei Pestalozzi)
| Fast überall wird Lernen mit Schule
zusammengedacht. Viele, die sich zum Thema Schule äußern, können
sich gar nicht vorstellen, dass Lernen außerhalb der Schule effektiver
sein kann als die herkömmliche Lernorganisation in Jahrgangsklassen.
"Die Schule neu denken - Eine Übung in pädagogischer Vernunft" ist der Titel eines Buchs des bekannten Erziehungswissenschaftlers Hartmut von Hentig. 2006 ist die 4. Auflage erschienen. Der Beltz Verlag schreibt dazu "Hartmut von Hentig zeigt in diesem Buch auf, dass die heutige Schule ihre Schüler von sich entfremdet hat, weshalb das so ist, welche Zwänge im bestehenden System dominieren und was geschehen muss, damit dieser Zustand beendet wird: die Schule neu denken." Für Hartmut von Hentig ist der Ort des Lernens selbstverständlich die Schule. Die Heinrich-Böll-Stiftung widmet dem Thema einen eigenen Website: http://www.schule-neu-denken.de (Die letzte Eintragung stammt - Stand 15.1.2007 - aus dem Jahr 2005). In ihrer dritten Empfehlung geht es um die "Autonomie von Schule in der Wissensgesellschaft", das heißt, im Denken der Grünen soll die Autonomie und Autokratie der Kultusministerien durch die Autonomie (und Autokratie) der Schule ersetzt werden. Die Lernenden kommen nach dieser Empfehlung vom Regen starrer Kultusbürokratien in die Traufe örtlicher Schul- und Lehrkräftewillkür. Die Befreiung der Lernenden von lernfremden Zwängen ist nicht vorgesehen. Auch die Grünen wollen nur Schule neu denken. Nicht "Schule neu denken" ist das eigentliche Problem. Vielmehr geht es darum, Lernen neu denken. Es geht darum, die natürliche Lernmotivation fast jedes Menschen zu fördern und zu erhalten. Sollte es nicht nachdenklich machen, wenn die oftmals als bildungsschwach abgestempelten Hauptschüler ihre persönlichen Erfolge bei Computerspielen suchen müssen, wenn sie im innerhalb ihrer Altersgruppe selbstorganisierten Lernen weitaus mehr Funktionen moderner Handys beherrschen lernen als viele Akademiker, die oft froh sind, wenn sie mit dem Handy wenigstens telephonieren können. (Lesen Sie hier über einen fiktiven Wettbewerb zwischen Informatikdidaktikern und Haupschülern.) Lernen neu denken. Information ist
nicht mehr zwangsweise mit menschlichen Informationsspeichern verknüpft.
Überlegenes Wissen war früher einmal eine Quelle der Autorität
für die Lehrkräfte. Die technisch gespeicherte Information ist
heute häufig zuverlässiger als das, was einzelne Lehrkräfte
davon verarbeitet haben.
Heranwachsende haben dank Buchdruck und
Internet heute freien Zugang zu Informationen aller Art. Warum dürfen
sie ihr Lernen nicht selbst organisieren? Warum organisiert man für
sie keine personenunabhängigen Rückmeldungen.
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Weil
die Schule Berechtigungen verleihen darf, die man nur von ihr erhalten
kann
| In Deutschland besitzt die Schule weitgehend
ein Monopol für die Bewertung von Lernleistungen, die üblicherweise
zwischen dem 6. und dem 20. Lebensjahr erbracht werden. Bei der Festsetzung
einer Note für eine Lernleistung hat die einzelne Lehrkraft einen
so großen Ermessenspielraum, dass Schulnoten
in hohem Maß willkürlich sind und keine Aussagekraft
haben.
Trotzdem hat die Schule das Recht, auf der Grundlage dieser willkürlichen Noten Berechtigungen zu verleihen. Wer zum Beispiel studieren möchte, muss in Deutschland nicht etwa bestimmte Kenntnisse und Fähigkeiten nachweisen, sondern nur bestimmte Noten erreicht haben. Diese sind nicht einmal in Ländern mit Zentralabitur vergleichbar; in Ländern mit schulspezifischen Abitursanforderungen sind der Manipulation Tür und Tor weit geöffnet. Im Gegensatz dazu wird das Recht auf Hochschulzugang in Schwellenländern wie zum Beispiel Brasilien in einer Zugangsprüfung (vestibular) verdient. Es ist kein Wunder, daß clevere Jugendliche
diese Öffnungen benützen, um sich ohne Aufwand in einem Studienfach
ihrer Wahl einzuschreiben. Auch Schulen, die seriös arbeiten, müssen
sich diesem Wettbewerb stellen. Die Folge ist eine Nivellierung nach unten.
Die Sonntagsreden der KMK-Vorsitzenden über definierte Standards,
die mit dem Abitur nachgewiesen werden sollen, bleiben hohl, solange Standards
nicht in nachprüfbarer Form definiert werden. Wie diese Überprüfbarkeit
gesichert werden könnte, finden Sie unter Überlegungen
zu Bildungsstandards und Dortmunder
Manifest.
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Weil
Schule auf die Dauer der Schulzeit und nicht auf Lernergebnisse angelegt
ist
| In der 314. Sitzung haben sich die Kultusminister
auf folgende Forderung geeinigt:
(Sie müssen sich durchklicken von http://www.kmk.org/aktuell/home1.htm, weil KMK-Publikationen im Internet nicht zitierfähig sind!) "Die Dauer der
Schulzeit bis zur Erlangung der Allgemeinen Hochschulreife beträgt
zwölf oder 13 Schuljahre. Dabei ist ein Gesamtstundenvolumen von mindestens
265 Jahreswochenstunden ab der Jahrgangsstufe 5 bis zum Erwerb der Allgemeinen
Hochschulreife nachzuweisen. Darauf können bis zu fünf Stunden
Wahlunterricht angerechnet werden."
Kultusministerinnen und Kultusminister vertreten also die absurde Vorstellung, dass Bildungsergebnisse von der Dauer der Bildungsveranstaltungen abhängen. Ein Vergleich zeigt den Unsinn: Mit der gleichen Logik könnte man vorschreiben, daß Züge von München nach Hamburg 48 Stunden unterwegs sein müssen. Der Fortschritt von der Geschwindigkeit des "Adlers" auf der Strecke von Nürnberg nach Fürth vor weit über hundert Jahren zum heutigen ICE würde nicht genutzt. Die Kultusministerkonferenz beschäftigt sich bisher nicht mit der Nutzung der Möglichkeiten des Internets für selbstorganisiertes Lernen. Ein Handelsbetrieb bietet an "Glühlampe 150 W E 27" oder "Energiesparlampe 23 W E27" und überläßt es dem Kunden, zwischen definierten Produkten selbst zu wählen. Die Kultusministerkonferenz bietet für
das Abitur an "Produktionszeit ca. 10 000 Stunden"
und verschweigt, was sie dafür liefern will (sie liefert ja nur PISA)
- und die Öffentlichkeit lässt sich das gefallen. Dann
wundern sich diese Experten noch, das viele Jugendliche den Leerlauf mit
Computerspielen
überbrücken, unter denen nicht nur erzieherisch
wertvolle zu finden sind.
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Die Abhilfe ist einfach, wenn sie erst einmal in Angriff genommen wird: Jugendliche brauchen einen attraktiven Ersatz für die Killerspiele, die man so naiv durch Verbot ausrotten will, wie man da und dort erfolglos versucht oder versucht hat, den Alkoholmißbrauch durch Verbot oder Einschränkung des Verkaufs einzudämmen. Für die, die es nicht wissen oder nicht zur Kenntnis nehmen: Bei Computerspielen erhält man sofortige Rückmeldungen und bekommt einen privaten (oder in der Scoreliste öffentlichen) Rang zugewiesen. Analoge Rückmeldungen könnten Angebote im Internet zu Lernthemen erhalten. Beispiele, die programmiertechnisch noch nicht ganz perfekt sind, finden Sie hier für Deutsch
ab Mitte der zweiten Grundschulklasse
Mit geringem Aufwand kann die Motivation erhalten werden, wenn man Tages-, Wochen- oder Monatsscoreplätze oder regionale Scoreplätze ermitteln würde. Wenn zusätzlich noch Sponsoren 1 % ihrer Sponsoringmittel, die sie für den Sport ausgeben, in kleine Prämien für die oberen Rangplätze investieren würden und dafür als Sponsor genannt würden, könnte man einen dauerhaften Hype auslösen, als dessen Folge man auf das Verbot von Killerspielen verzichten könnte. Und "Schule" würde besser. |
Drei
Beispiele für Bildungslücken
Siehe auch: Bildungslücken
in Polen
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Schreiben Sie Retorik oder Rhetorik, falls
Sie den Begriff kennen? Zur ersten Schreibweise findet Google rund 17 000
Mal Fundstellen wie "Retorik von Frauen für Frauen", "Universität
Flensburg: WS 2003/04 Retorik", "Einführung in die Antike Retorik",
... , fragt aber nach "Meinten Sie: rhetorik " . Dagegen gibt es zu Rhetorik
über 2 Millionen Fundstellen.
Mit Rechtschreibfragen ist man ja heute nicht mehr kleinlich, aber in anderen Bereichen haben Bildungsfragen einen größeren Einfluss. 2 Wie mangelhafte Vorstellungen von Prozentrechnen Wahlergebnisse beeinflussen Bei der letzten Wahl zum Bundestag im Jahr 2005 ist in vielen Wahlversammlungen rhetorisch gefragt worden, ob es gerecht sei, wenn die Krankenschwester und der Chefarzt beide gleich viel Steuern bezahlen sollen, nämlich beide 15 Prozent. Ich habe viele Kommentare gehört und
gelesen, dass dies ungerecht sei, aber keinen einzigen darüber, dass
der gleiche Steuersatz nicht zum gleichen Steuerbetrag führt. Das
Bewußtsein, dass der Chefarzt beim gleichen Steuersatz im Vergleich
mit der Krankenschwester ein Vielfaches an Steuern zahlen muss, ist so
wenig ausgebildet, dass diese primitive Demagogie eingeschlagen hat.
Und es gibt Kollegen, die sich nach jahrzehntelanger Tätigkeit in der Ausbildung von Mathematiklehrkräften über fehlenden Grundlagen wundern
Würde die Schule ergebnisgesteuert statt zeitgesteuert arbeiten, so hätte "das Mädchen" schon früher lernen (oder man hätte es gezielt fördern) müssen. Derzeit werden fast alle Lernenden im Geleitzug mitgeschleppt und verderben den Schnelleren den angemessenen Lernfortschritt. 3 Wie mangelnde Physik/Technikvorstellungen Geld beim Bau kosten In einer kleinen deutschen Großstadt steht eine berühmte große Kirche. Sie soll eine Notstromversorgung bekommen. Natürlich wird für eine solche Aufgabe ein Planungsbüro beauftragt und es werden Gremien eingesetzt, die über das Ergebnis der Planungen entscheiden. Zur Wahl stehen ein Notstromaggregat mit 20 kVA oder eine Batterieanlage mit 15 kW. Die Vorschriften verlangen eine dreistündige Versorgung. Der planende Fachingenieur informiert: Das Notstromaggregat kostet 39 000 € und braucht 20 Liter Diesel in der Stunde; man würde - wieder nach den Vorschriften - einen zusätzlichen Öllagerraum brauchen. Für die Batterianlage muss man keinen Kraftstoff lagern und sie kostet nur 8 000 €. Der Ingenieur bagatellisiert unter anderem, dass für die Batterieanlage ein besonders gesicherter Raum von 8 m2 erforderlich ist. Natürlich werden die Vorschläge des Ingenieurs beschlossen. Die Angaben über Kosten und
Kraftstoffverbrauch lassen sich in weniger als zehn Minuten im Internet
falsifizieren.
Die Gremien werden auf diese sachlich falschen Ansätze hingewiesen,
beschließen aber trotzdem, dass eine Batterieanlage eingebaut wird.
Das Gesamtprojekt summiert sich, zusammen mit den Folgekosten der
Entscheidung, auf über 3 Millionen Euro; der Einwände
wegen gibt es noch einen Zusatzbeschluss "Der Ständige Ausschuss ist
der Überzeugung, dass das Thema im Fachausschuss kompetent beraten
wird", erklärt souverän Fakten zu Meinungen und erinnert
so an den Fall Galilei.
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| Bildungslücken
in Polen
Es wäre schön, wir hätten nur die polnischen Probleme:
Das polnische Problem hat mit mangelhaften Leistungen in einem Pflichtfach zu tun. Das deutsche Problem liegt darin, dass man die Prüfung auch mit unverzeihlichen, inhaltlichen Lücken bestehen kann. In den Übernahmeverhandlungen zu Beginn des Profifußballs in Deutschland soll man einem anerkannten Spitzenspieler ein Drittel der Stadioneinnahmen angeboten haben. Dieser protestierte sofort und verlangte mindestens ein Viertel (denn 4 ist bekanntlich mehr als 3). Nun braucht man als Fußballspieler kein Abitur. Damit man aber den Fußballspielern ihre Gehälter und ihre Prämien bezahlen kann, muss das Geld dafür erst ins Land kommen. Von unsere natürlichen Ressourcen könnten wir nur ein sehr bescheidenes Leben führen. Der überwiegende Teil unseres Bruttosozialprodukts beruht auf kognitiven Vorleistungen. Und diese sollten soweit erbracht werden, dass man sich bei einem Abiturienten darauf verlassen kann, dass er nicht bei der einfachsten Prozentrechnung scheitert, dass er Leistung und Energie unterscheiden kann, dass er elementare Regeln der deutschen Rechtschreibung und Grammatik anwenden kann, ... |
| Siehe auch Schulnoten und Bildungsstandards |