Podiumsdiskussion Mathelernen mit Medien 1969, ...; 2001
PU, AV, TV, Computer; Multimedia
| 1969 fand die Jahrestagung der
GDM in Ludwigsburg statt. Es schien ein Jahr des Aufbruchs zu sein: Neue
Inhalte ("Mengenlehre"), neue Formen des Lernens (Gruppenarbeit, ...) und
neue Medien (audiovisuelle Medien-Schulfernsehen) weckten große Erwartungen.
Eingelöst wurden diese bis heute nicht: Anlaß für eine
Bilanz. Die Tagungsleitung hat deshalb eine Podiumsdiskussion angesetzt,
für die neben zwei Vertretern der Gegenwart (Rimkus und Vogel) drei
"Alte" gewonnen werden konnten, von denen zwei damals in Ludwigsburg vorgetragen
hatten.
Das Podium (alphabetisch) Der Mathematik- und Mediendidaktiker Fraunholz: Mitarbeit am Funkkol-leg Mathematik, am Schulfernsehen M5, M7, M8, M 5 NEU und am Telekolleg. Heute Entwicklung von Computerlernumgebungen. Der Informatiker Gunzenhäuser: Arbeitsschwerpunkte sind unter anderem rechnerunterstütztes Lernen und Schnittstelle Mensch-Computer. Der Mathematikdidaktiker Nestle: im FWU Entwicklung von Material für autonomes Lernen, in Ludwigsburg Mathematikdidaktik und Leistungsmessung. Grundschullehrerin Rimkus: Grundschulkonrektorin, Medienberaterin für die Grundschule, Arbeit an neuen Lehrplänen für die Grundschule. Diese sollen die Realität des Computers in diesem Schulzweig angemessen berücksichtigen. Realschullehrer Markus Vogel: Pädagogischer Berater;
Mitarbeit am Projekt WUM "Weiterentwicklung der Unterrichtskultur im Fach
Mathematik"
AV-Medien (Nestle) Bis Mitte der Sechzigerjahre wurde unter AV-Medien in der Schule der traditionelle 16-mm-Film verstanden. Von den Einsatzbedingungen her war die Nutzung dieses Mediums im Mathematikunterricht nahezu ausgeschlossen. Mit Tonkassette und 8-mm-Film konnten mediale Darbietungen ins normale Klassenzimmer gebracht und als "Medienclip" in den Unterricht eingebaut werden. Das von den Ländern der Bundesrepublik getragenen FWU begann daraufhin mit der Entwicklung solcher Medien auch für den Mathematikunterricht. Die damaligen Hilfsüberlegungen, mit Mediensystemen von AV-Medien und gedrucktem Material Interaktivität einzubauen, sind heute durch Hypertext und interaktive Formulare überholt. Die methodische Seite der Entwicklung ist aktuell wie damals. Bis auf inhaltliche Zugeständnisse an damalige Modeerscheinungen sind die alten Themen auch heute noch von Interesse. Durch Konvertierung in geeignete Computerformate könnten sie (ebenso wie entsprechende Clips aus dem Schulfernsehen M5 neu) für den Unterricht verfügbar gemacht werden. Die Tonbandübungen zum Kopfrechnen sind in MP3 konvertiert worden und können kostenlos von www.kopfrechnen.de heruntergeladen werden. Computer und Informatik in der Schule: 1969 bis 2000 (Gunzenhäuser) Versucht man, den Computereinsatz in Schule und Ausbildung rückblickend zu charakterisieren, so lassen sich unschwer vier Paradigmen aufzeichnen. 1. Rechner – zuerst ab ca. 1965 technischer Aufbau und Funktionsweise, später Algorithmen und Datenstrukturen sowie einfache Programmier-sprachen – als Unterrichtsgegenstand in der Schule. 2. Ab Anfang der 80er Jahre trat Bedienung und Nutzung des Rechners als Werkzeug zur Textverarbeitung, zur Kalkulation und zum Spielen in den Vordergrund. 3. Computer sind schon ab Ende der 50er Jahre als Medium für spezielle Lehrstrategien und für individuelles Lernen prototypisch verwendet worden. Für die heutigen leistungsfähigen PCs mit großen Datenspeichern ist ein umfangreiches kommerzielles Angebot von Lernsoftware entwickelt worden, aus dem Eltern und Schüler(innen) wählen können. 4.Die 90er Jahre brachten mit den Informations- und Kommunikations-diensten im Internet einen signifikanten Paradigmenwechsel in der allge-meinen Computernutzung. So steht der "Multimedia-Rechner" heute als neues Medium im Mittelpunkt des World Wide Web (WWW). Die Techniken der Informationssuche, das "Browsen" im WWW und der Anwen-dung von sogenannten Suchmaschinen sind der heutigen Generation von Lehrern und Schülern so vertraut wie das kaum ältere "Handy". So sehen wir heute wesentliche Probleme, die in den vergangenen 30 Jahren durch die Paradigmen 1 bis 3 entstanden, als im Prinzip gelöst bzw. lösbar an. Anders das neue 4. Paradigma. Es wirft an der Schwelle des neuen Jahrtausends schwerwiegende neue Fragen auf. Nur zwei Fragegruppen: - Wandeln die neuen Medien das Bild die Wirklichkeit unserer Hochschulen und Schulen? Was nützen Sie den Lehrern und Schülern mehr als die uns vertrauten Medien? Verändern sie insbesondere die Didaktik und Met-hodik der jetzigen Unterrichtsfächer? - Öffnen die neuen Medien neue originelle Möglichkeiten für das globalisierte Lehren und Lernen? Individualisieren sie das Lernen stärker? Können sie die bevorstehende Kommerzialisierung der Bildung und Ausbildung begrenzen? Der Humanist Erasmus von Rotterdam sah im damals neuen Medium "Lehrbuch" die entscheidende Voraussetzung für die Verbreitung der Kulturtechniken Lesen und Schreiben sowie die beste Quelle zum Erarbeiten seiner humanistischen und rationalistischen Gedanken. Haben wir heute den Mut, uns ebenso stark für unsere neuen rechnergestützten Medien einzusetzen? Schulfernsehen Mathematik (Fraunholz) Schulfernsehen kann man heute nicht mehr zu den "Neuen Medien" rechnen, auch wenn es erst einige Jahrzehnte alt ist. Im Rückblick kann man sich die Frage stellen, welche didaktische Wirksamkeit, welche Bedeutung für das Lernen von Mathematik hat Schulfernsehen Mathematik gehabt oder hat es noch. Das erste "große" Schulfernsehprogramm in Mathematik, im Sinne eines Programms für ein ganzes Schuljahr, nämlich das 5. Schuljahr, wurde 1969/70 vom damaligen Südwestfunk als ein "direct teaching"-Programm produziert. Es bot also den Lehrstoff systematisch (und quasi lückenlos) mit einem "Lehrer auf dem Bildschirm" dar - im Gegensatz zu den "enrichment"-Programmen, Schulfernsehangeboten, die eine Bereicherung des üblichen Mathematikunterrichts bieten wollten. Ähnliche Jahresprogramme wurden dann für das sechste Schuljahr vom Norddeutschen Rundfunk und für das siebte Schuljahr wieder vom Süd-westfunk produziert. Ein wesentlicher (bildungs)politischer Aspekt war 1970 die damals in Erscheinung tretende "New Math", die schlagartig einen enormen Fortbil-dungsbedarf für Mathematiklehrer(innen) erzeugte. Das Schulfernsehen konnte neue Inhalte und neue Methoden gleichzeitig an eine große Zahl von Schüler(innen) und Lehrkräften herantragen. Eine zweite Aufgabe des Schulfernsehens war es, die Motivation zum Mathematiklernen bei den Schüler(inne)n zu erhöhen, eine dritte, Anregungen für den normalen Unterricht zu geben. Welche Ziele sind erreicht worden? Die Kinder waren in der Regel erfolgreich, was die einheitlichen Tests in der Begleituntersuchung belegen. Es zeigte sich aber auch, daß der Erfolg des Schulfernsehens stark von der Lehrerpersönlichkeit abhängt: Da wo Lehrer(innen) sich in das Medienverbundsystem eingebracht haben, waren auch die Schüler(innen) angeregt, sich mit den Inhalten des Schulfernsehens auseinanderzusetzen, wo Lehrer (innen) uninteressiert waren, schlug dieses Desinteresse auf die Schüler(in-nen) durch. Ein "direct teaching" im strengen Sinne gab es also nicht. Vom Schulfernsehen wurde eine Fülle von Material zur Verfügung gestellt, das sich zur Gestaltung des Mathematikunterrichts verwenden läßt. Die Bildungspolitik hat aber weitgehend versäumt, dieses Material auch verfügbar zu halten: Aufgezeichnete Schulfernsehsendungen mußten von den Schulen nach einem Jahr gelöscht werden. Bildungspolitik ist sprunghaft: schon nach kurzer Zeit flachte ihr Interesse an der Mathematik ab. Ist die Wirkung des Schulfernsehens Mathematik also verpufft? Bei vielen Lehrkräften, die es kennen- und souverän damit umgehen gelernt haben, sicher nicht; sie haben viele Anregungen für ihren Unterricht erhalten. Die nachkommende Lehrergeneration aber hatte in der Regel nie die Chance, die Ideen des Schulfernsehens kennenzulernen. Der Nachteil fehlender Interaktivität spricht heute nicht unbedingt für eine Neuauflage eines Schulfernsehens. In interaktiven Lernprogrammen am Computer lassen sich auch Videos integrieren; am PC sind diese ohne Bindung an Sendezeiten verfügbar. Die Tradition mathematik-methodischer Ideen kann so eine Fortsetzung finden. Computereinsatz im Mathematikunterricht der Grundschule (Rimkus) 30 Grundschulkinder in einer Klasse sind gegenwärtig keine Seltenheit. Zu Urgroßväterszeiten müssen das auch mal 50 oder 60 Kinder gewesen sein und der Lehrer hat dies fast ohne Medien – und manchmal nur mit dem Rohrstock – irgendwie auch geschafft. In unserer heutigen Zeit ist es jedoch nicht mehr vertretbar, die Kinder der-art frontal – im Gleichschritt durch den Lehrplan – zu beschulen. Kinder mit den unterschiedlichsten Begabungspotentialen bilden eine Klasse; hoch begabte und leistungsschwache Kinder, stark motivierte und völlig unwillige, Kinder mit großem Vorwissen und solche, die in allen Bereichen Defi-zite aufweisen. Sie alle sollen entsprechend ihren Begabungen und Neigungen "individuell gefördert" werden. Dies ist eine Forderung des Bildungsplanes der Grundschule und dort steht ferner zu lesen, dass Lehrerinnen und Lehrer den Unterricht auf den Entwicklungsstand und das Leistungsniveau der Kinder abstimmen. Um die Schülerinnen und Schüler tatsächlich dort abzuholen, wo sie in ihrem Entwicklungsprozess gerade stehen, ist eine starke Binnendifferenzierung nötig. Moderne Medien ermöglichen dies in immer besserer Weise. Gerade für den Computer gibt es zunehmend pädagogisch fundierte Software, die Dimensionen beim Schüler erschließen, die der Lehrer mit den traditionellen Möglichkeiten nicht erreichen kann. Meine Erfahrungen mit dem Computer in der Grundschule sind positiv. Wir haben eine Computerecke im Klassenzimmer; in der Regel arbeiten zwei Kinder gleichzeitig an einem Gerät. Die Motivation, am Computer zu arbeiten, ist gleichbleibend hoch. Die Kinder "müssen" nicht an den Computer, sondern sie "dürfen". Dadurch, daß zwei Kinder sich ein Gerät teilen, ist auch gesichert, daß Computerar-beit nicht zur Vereinzelung führt. Im Gegenteil, es entstehen vielfältige Gesprächsanlässe. Besondere Bedeutung hat die Möglichkeit, Kinder am Computer arbeiten zu lassen, für die innere Differenzierung. Die Arbeitsphasen sind so lang, daß selten organisatorische Probleme entstehen. Durch die richtige Wahl der Software finden sowohl schwache Kinder als auch leistungsstarke eine angemessene Lernumgebung. Schwierigkeiten im Umgang mit dem Gerät sind vernachlässigbar. Auch die fehlende Dreidimensionalität richtet keinen Schaden an. Die Phasen der Computerarbeit für das einzelne Kind sind vergleichsweise kurz gegenüber den normalen Arbeitsphasen, in denen Material hinreichend oft die wesentliche Rolle spielt. Computereinsatz im Mathematikunterricht der Realschule: Erfahrungen und Perspektiven (Vogel) Vorab: Ich bin für Rückmeldungen aller Art dankbar, um Sie in das Projekt WUM (Weiterentwicklung der Unterrichtskultur im Fach Mathematik) ein-zubringen. In den vergangenen fünf Jahren konnte ich in zwei Anwendungsbereichen Erfahrungen sammeln: Mit Notebook und Beamer im Klassenzimmer, mit Notebooks im Klassenzimmer und mit der Klasse im Computerraum. Dabei hatte ich wahlweise auf 15 fest installierte Schülerrechner im Compu-terraum oder auf bis zu 15 Notebooks für das Klassenzimmer Zugriff. In der Klasse helfen kurze Phasen von 5 bis 10 Minuten Dauer vor allem bei Demonstrationen. "Bewegte Mathematik" von Stauff hilft, den Begriff der Bruchzahl zu veranschaulichen, mit Programmen wie "Euklid" oder "Cinderella" kann der Einstieg in die Geometrie über deren dynamische Aspekte erfolgen. Im Computerraum habe ich Programme wie "Brüche" (FWU) eingesetzt. Dabei arbeiten immer zwei Schüler zusammen an einem PC. Als Folge ist der Geräuschpegel zwar etwas höher als im normalen Unterricht, aber dies kommt von intensiven Diskussionen über Mathematik und ist daher fruchtbar. Als Form der Binnendifferenzierung wählen die Schüler selbst das Übungsthema aus; sie tragen sich anschließend mit ihrem Lernstand in eine Liste ein. Erste Erfahrungen liegen auch vor mit Tabellenkalkulation zur Unterstützung des Problemlösens. Aus der technischen Innovation Computer folgt die didaktische Innovation nicht automatisch. Die Qualität der Lernprozesse läßt sich nur steigern, wenn am Anfang aller Überlegungen stets das Kind steht. Dann ermöglicht der Computer Differenzierung und ein eigenaktives Arbeiten der Kinder; er dient also der Vorbereitung selbständiger Lernprozesse. Diskussion Fragen wurden unter anderem gestellt zur kybernetischen
Pädagogik (von Frank) als einer möglichen Fundierung des Rechnereinsatzes
beim Lernen, zu einer möglichen Verdrängung des Buchs durch den
PC und zur Vorhersehbarkeit der Entwicklung der vergangenen dreißig
Jahre.
Fazit: Eine Podiumsdiskussion mit fünf Podiumsteilnehmern erlaubt es, in kurzer Zeit grundsätzliche Aspekte von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Für die Einbeziehung des Plenums in die Diskussion sollten 90 Minuten Gesamtzeit vorgesehen werden Unter www.bildungsstandards.de
finden Sie ausführlichere Informationen zum Thema der Podiumsdiskussion.
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