Die allgemeine Situation 1969
In Verbindung mit dem Aufbau nach dem Krieg sind zahlreiche neue Schulgebäude entstanden.
Es durften bald auch wieder Schulbücher gedruckt werden. Das erfolgreichste war mit Abstand das mathematische Unterrichtswerk von Lambacher und Schweizer. Schweizer hatte auf eine mehrjährige Tätigkeit als Grundschullehrer ein mathematisches Studium aufgesetzt. Dadurch war sichergestellt, daß mit dem Schulbuch sowohl der herkömmliche, fragend-entwickelnde Unterricht gehalten werden konnte als auch selbständigere, mehr schülerorientiere Arbeitsformen möglich waren. Ein Beispiel für eine radikale Verwirklichung der zweitgenannten Arbeitsmethode finden Sie hier.
Der Lehrermangel erreichte in dieser Zeit seinen Höhepunkt. Das hätte ein Ansatzpunkt für einen Wechsel im Selbstverständnis des Lehrers bewirken können: Weg vom Informationsmonopol, das nach dem Krieg durch die äußeren Umstände erzwungen wurde, hin zum Lernorganisator. Dieser Wandel fand jedoch im allgemeinbildenden Schulwesen nicht statt.
Niemand - von wenigen Ausnahmen abgesehen - hielt es damals für möglich, daß mit diesem Verharren bei der klassischen Lehrerrolle und des rasanten Ausbaus der Lehrerbildungskapazitäten die nächste Lehrerschwemme vorbereitet wurde. (Ich habe im 1969 für den Philologenverband Nordwürttemberg den Beginn einer Lehrerschwemme für 1975 bis 1978 vorausberechnet. Im Frühjahr 1977 wurde an der Zufahrt zur PH Ludwigsburg eine Tafel aufgestellt "Das Land Baden-Württemberg baut 10 000 neue Studienplätze an Pädagogischen Hochschulen". Im Herbst 1977 wurden nicht mehr alle Absolventen unserer Studiengänge eingestellt. Ich erinnere mich nicht mehr, ob die Tafel 1978 oder erst 1979 abgebaut wurde. In den Neubau zog statt der PH Ludwigsburg die Fachhochschule für Verwaltung ein.)
Wirkungen des Sputnikschocks
Zu Sputnikschock weist altavista
am 24.2.01 69 Fundstellen auf.
1957 startete die Sowjetunion den ersten künstlichen Satelliten. Nachdem die Hündin Laika einige Runden im All gedreht hatte und wohlbehalten wieder auf der Erde gelandet war, spotteten die Russen über die US-Amerikaner, wie letztere wohl so kleine Tiere züchten können, daß sie in einem amerikanische Satelliten ins All fliegen können. Das amerikanische Selbstbewußtsein durchlief einen Tiefpunkt und erholte sich erst wieder nach der Mondlandung.
Der Sputnikschock führte in den USA zu einer breiten Diskussion über das Bildungswesen. Als vorübergehende Modewelle entstand der programmierte Unterricht (PU). Einige Jahre später erreichte diese Welle auch Deutschland. 1964 fand - in Nürtingen - ein Symposium mit dem Titel "Lehrmaschinen und Programmierter Unterricht" statt. Alle großen Schulbuchverlage in Deutschland begannen mit der Entwicklung von Lehrmaterialien (Lernmaterialien wäre damals der korrekte Sprachgebrauch gewesen). Da und dort beschäftigten sich auch die Schulverwaltungen mit dem Thema Programmierter Unterricht. Herausragend war dabei die Stadt Hannover mit einer Mathematik für die vierten Grundschulklassen.
Diese Entwicklung fiel in eine Zeit inhaltlicher Veränderungen im mathematischen Schulstoff. Die Stichwörter sind Mengenlehre und Bourbaki. Die Lehrer waren damals noch jung und bereit, selbst neue Inhalte zu lernen. So war die Lindnersche Mengenlehre ein großer wirtschaftlicher Erfolg weniger in Schulklassen als bei Lehrern, die sich damit auf im Studium nicht bearbeiteten Gebieten nachträglich Kenntnisse erarbeiteten.
An anderer Stelle gehe ich darauf ein, warum der ganze Bereich sang- und klanglos eingeschlafen und in welchen Formen er seither wieder aufgewacht ist.
Der PU teilt sein Schicksal mit dem Schulfernsehen. Es fand solange Resonanz, wie die Lehrerschaft sich in den neuen Inhalten und Arbeitsformen unsicher fühlte.
Parallel zum Schulfernsehen als zentralem Ansatz wurden in größerem Maß audiovisuelle Medien (Filme, Tonbildreihen, Tonbänder) für eine dezentrale Steuerung des Medieneinsatzes entwickelt. Die damals entwickelten Materialien sind heute kaum noch greifbar. (Ausnahme: Tonbandübungen zum Kopfrechnen)
Auch der Einsatz von Material - in der Grundschule
und in den weiterführenden Schulen - ist gegenüber den Siebzigerjahren
zurückgegangen.
Die Bildungskatastrophe
Zu Bildungskatastrophe weist altavista
am 24.2.01 185 Fundstellen auf.
Sie wurde - um 1964 - erfunden von Kurt Georg Picht. Am Beispiel des katholischen Mädchens vom Land in Bayern wurde die tatsächlich vorhandene Ungleichheit der Bildungschancen demonstriert. Und da hat die Pichtsche Initiative auch zu nachhaltigen Verbesserungen geführt - oder war es das Fernsehen?
Leider erschien der Picht'sche Aufsatz in einer Zeit, in der nicht alle
Leser zwischen Ungleichheit der Bildungschancen und Ungleichheit
der Bildung unterscheiden konnten. Er hat wesentlich zur Nivellierung im
Bildungswesen beigetragen, so daß 30 Jahre lang ein Reaktionär
war, wer im kognitiven Bereich für Bildungsgerechtigkeit eintrat
und dabei auch das Wort Elite verwendete. So wurde also erreicht, daß
zwar die Abiturientenquote auf das Zehnfache anstieg, aber gleichzeitig
sank das Abitursniveau drastisch ab. Seit TIMSS
diesen Sachverhalt aufgedeckt hat, darf man wieder ohne verfemt zu werden
über die Verbesserung des Lernens nachdenken und sprechen.