Winter 1944/45. Das Schulgebäude ist überwiegend mit Soldaten einer französischen Militäreinheit belegt (darunter ein französischer Lehrer aus dem Elsaß, der zwei Jahre lang unsere im Krieg eingezogenen Lehrer ersetzt hatte). Am 17. Dezember 1944 wird meine Heimatstadt durch einen Terrorangriff zu mehr als 60 % zerstört. Auch die Schule brennt ab bis auf einen Teil des Treppenhauses. Statt regelmäßigem Unterricht treffen wir uns in größeren Abständen in der fast nicht beschädigten Wohnung des Schulleiters; er versucht, uns Aufgaben zu geben. Wir haben aber kaum Zeit, denn wir reparieren überall Dächer und nageln Fenster zu, oder wir fahren für uns oder andere Wasser von den wenigen laufenden Brunnen nach Hause oder zu alten Nachbarn.
Frühjahr 1945. Der Krieg ist zu Ende.
Sommer 1945. Der Bearbeiter dieser Ausstellung (15 Jahre alt) ist dienstverpflichtet zum Reinigen von Ziegelsteinen aus den Trümmern seiner Schule.

Spätherbst 1945. Die Großmut der Siegermächte
erlaubt die Wiederaufnahme des Unterrichts zunächst an den Grundschulen,
später auch an den weiterführenden Schulen.
Meine Schule hat Glück. Sie darf Abstellräume oberhalb der
Küche eines Krankenhauses als Schulräume verwenden. Damit wird
es im Winter nicht ganz so kalt. in mnachen Räumen gibt es sogar einen
Ofen, in dem Holz verbrannt werden kann. Zwischen den Klassen gibt es eine
optische Trennung.
Mathelernen mit Medien 1945 in der neuen Schule. Schulbücher
- ohnehin sind die meisten verbrannt - dürfen nicht verwendet werden.
Wir sind hinter die Gutenberggalaxis weit zurückgeworfen, denn
auch Papier und Schreibgeräte sind Mangelware. Unsere Lernumgebung:
- Der Lehrer. Unsere Klasse hat Glück, denn uns wird ein Mathelehrer
im Pensionsalter zugeteilt.
- Diktate des Lehrers in Heft


Es ist klar, daß unter diesen Umständen klassischer, fragend-entwickelnder
Unterricht im Mittelpunkt steht. Über richtig oder falsch entscheidet
ausschließlich der Lehrer. Außer dem gesunden Menschenverstand
gibt es keine Möglichkeit der Selbstkontrolle. Ich beschließe,
falls möglich, Lehrer zu werden, um es besser zu machen. Um schneller
aus der Unselbständigkeit herauszukommen überspringe ich die
vorletzte Klasse und mache mit gerade 18 nach sieben realen Gymnasialjahren
das Abitur. Das Anspruchsniveau der Abitursaufgaben würde heute viele
überfordern.
| Einordnung:
Wird die Gutenberggalaxis heute verlassen? |
Sommer 1950. Die Lehramtsstudenten werden zu einer Versammlung mit den Leitern der Oberschulämter Stuttgart und Tübingen einberufen: "Keiner von Ihnen hat eine Chance auf eine Einstellung als Lehrer; suchen Sie sich einen anderen Beruf.": Minimum im Schweinezyklus der Lehrereinstellung. Das vorausgehende Minimum lag 25 Jahre zurück.
Im Alter wird man geschwätzig. Deshalb unterdrücke ich weitere
Details.